Über diesen Artikel
Datum:
08.05.2012
Autor:
Sascha Steuer
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URL:
https://www.digital-lernen.de/nachrichten/netzpolitik/einzelansicht/artikel/schultrojanervertrag-geplatzt-schulbuchverlage-wollen-nun-praxistaugliche-rahmenbedingungen.html
Title:
Schultrojanervertrag geplatzt – Verlage wollen nun praxistaugliche Rahmenbedingungen
Kategorie:
Netzpolitik
gastautoren stift

Schultrojanervertrag geplatzt – Verlage wollen nun praxistaugliche Rahmenbedingungen

Nach monatelanger Kritik durch die Lehrerverbände haben sich die Schulbuchverlage und die Bundesländer in Nachverhandlungen des „Gesamtvertrags zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen nach § 53 UrhG“ darauf verständigt, sowohl die geplante Scansoftware auf Schulcomputern, als auch die Selbsterklärungen von Schulleitern aufzugeben.  Gerade der letzte Punkt hatte in den vergangenen Wochen die Gemüter erhitzt, nachdem in einigen Bundesländern alle Schulleiter verpflichtet worden waren, zu erklären, dass  sich auf den Computern der Schule keine illegalen Digitalisate – sprich eingescannte Schulbuchseiten - befinden. Philologenverband, GEW und VBE hatten daraufhin die Schulleitungen und Lehrkräfte aufgefordert, diese Erklärung nicht abzugeben.  

Der Gesamtvertrag regelt den Umgang mit Kopien von Zeitungen, Schulbüchern und Noten in der Schule. Für die maximal 20 Seiten eines Schulbuches, die für eine Klasse jährlich vervielfältigt werden dürfen und für das Kopieren von Zeitungsartikeln zahlen die Bundesländer 2012 insgesamt 7,8 Millionen Euro an die Verwertungsgesellschaft Wort, die Verwertungsgesellschaft Musikedition und die Schulbuchverlage. Was sich im ersten Moment viel anhört, sind jedoch nur knapp zwei Prozent der jährlichen Ausgaben der Bundesländer für Schulbücher. Im Jahr 2011 wurden für die allgemeinbildenden Schulen Bücher für 317 Millionen Euro gekauft. Dabei sollten die kopierten Schulbuchseiten nicht mit den gekauften Schulbüchern aufgerechnet werden. Vielmehr werden die Kopien von Lehrern verwendet, um Klausuren anzureichern, Übungsaufgaben zu stellen und auf aktuelle Themen einzugehen.

Bundesländer und Schulbuchverlage betonen nun einmütig, dass sie nicht nur die bestehenden Regelungen des sogenannten „Gesamtvertrages“ außer Kraft setzen, sondern im Sommer mit Gesprächen beginnen wollen, um neue Rahmenbedingungen zu setzen: „Länder und Bildungsmedienhersteller wollen den Lehrkräften professionelle pädagogische Materialien für den Unterricht anbieten und ihnen Möglichkeiten zur digitalen Nutzung von Unterrichtswerken und -materialien geben.“ Wie der Verband der Bildungsmedien, vormals VdS, erklärte,  soll diese Lösung  „rechtliche Vorgaben bei der Nutzung analoger und digitaler Materialien vereinfachen, um insbesondere Medienbrüche im Unterricht zu vermeiden; alltagstauglich und praxisorientiert sein; Rechtekontrollen überflüssig machen; Rechtssicherheit für Lehrkräfte und Schulen schaffen; die Rechte der Autoren und Verlage sichern.“

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger begrüßt diesen Schwenk, denn der Computer „ist heute ein unverzichtbarer Bestandteil eines auf moderne Medien gestützten Schulbetriebs“. Sollten sich alle Beteiligten auf eine Gleichbehandlung von kopierten und eingescannten Schulbuchseiten einigen können, würde dies letztlich der Realität an den Schulen Rechnung tragen, so Meidinger. Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Marianne Demmer fordert die Länder auf, ihre Lehrmitteletats und Mittel für Rechteabgeltungen so aufzustocken, dass „die Lehrkräfte ihre pädagogischen Aufgaben in einem rechtssicheren Rahmen erfüllen könnten“. Konkret bedeutet dies mehr Geld für die Schulbuchverlage und dafür eine Legalisierung der eingescannten Schulbuchseiten.

Die GEW fordert außerdem, dass die Kultusministerkonferenz ein Expertengremium „Digitale Lehr- und Lernmaterialien“ einrichten soll, das Vorschläge für eine von den Verlagen unabhängige Internet-Plattform für qualitätsgeprüfte Lehr- und Lernmaterialien entwickelt. „Hierfür bieten wir unsere Mitarbeit und Unterstützung an“, betont Marianne Demmer. Diese Unterstützung wird auf Seiten der Kultusministerien dankbar angenommen, so sollen „die von den Gesprächspartnern entwickelten Vorschläge insbesondere auch mit den Lehrerverbänden diskutiert werden“.

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08.05.2012
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Sascha Steuer
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Schultrojanervertrag geplatzt – Verlage wollen nun praxistaugliche Rahmenbedingungen
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Netzpolitik
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