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Datum:
09.03.2012
Autor:
Sascha Steuer
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URL:
https://www.digital-lernen.de/nachrichten/netzpolitik/einzelansicht/artikel/digitale-medien-gehoeren-auch-in-die-fruehkindliche-bildungprof-fthenakis-im-digital-lernen.html
Title:
„Digitale Medien auch in der frühkindlichen Bildung“ Prof. Fthenakis im Interview
Kategorie:
Netzpolitik
Professor Fthenakis hat eine klare Haltung

„Digitale Medien auch in der frühkindlichen Bildung“
Prof. Fthenakis im Interview

Prof. Wassilios E. Fthenakis

Professor Fthenakis hat eine klare Haltung

Professor Wassilios E. Fthenakis ist einer der renommiertesten Erziehungswissenschaftler Deutschlands und Präsident des Didacta-Verbandes der Bildungswirtschaft. Zurzeit ist er Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen.                        

DIGITAL LERNEN: Herr Professor Fthenakis, Sie betonen immer wieder wie wichtig die ersten Jahre eines Kindes in der Kita und der Grundschule für den gesamten weiteren Bildungsweg sind. Finden Sie mittlerweile mit dieser Position mehr Gehör als früher?

Prof. Fthenakis: Die Bildungssysteme vollziehen gegenwärtig einen paradigmatischen Wechsel. Wenn man zurück blickt, war die Legitimation des Bildungssystems im 20. Jahrhundert die Aufbereitung und die Vermittlung von Wissen. Das machte auch Sinn weil Wissen damals unverzichtbar für die berufliche Laufbahn eines Kindes war. Allerdings war das Wissen nicht für jedes Kind verfügbar. Mit der Schule kam dann die zusätzliche Aufgabe hinzu, über die Bereitstellung von Wissen für alle Kinder eine gewisse soziale Gerechtigkeit herzustellen. Heute wissen wir, dass die Wissensvermittlung nach wie vor notwendig ist, allein aber nicht ausreicht, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Deshalb vollzieht sich dieser paradigmatische Wechsel, der Wissen immer mehr dafür nutzt, Bildungsprozesse zu organisieren und mittels dieser Prozesse die kindliche Entwicklung ganzheitlich zu sehen und so die Kompetenzen der Kinder zu stärken.

Was bedeutet diese Verschiebung von der Wissensvermittlung zum Managen des Lernprozesses für den frühkindlichen Bereich?

Dieser paradigmatische Wechsel verschiebt natürlich auch die Koordinaten des Systems insgesamt. Wenn wir auf Kompetenzen setzen, müssen wir zweierlei zur Kenntnis nehmen: Erstens: auch die Kompetenzen entwickeln sich bei einem Kind sehr früh. Zweitens: das Bildungssystem allein kann eine optimale Entwicklung des Kindes nicht garantieren. Man braucht auch die anderen Bildungsorte, die sich außerhalb der Bildungsinstitutionen befinden.

Bekommen die Familien so eine stärkere Bedeutung?

Die Forschung sagt, dass Familie und andere Bildungsorte mehr als zwei Drittel der Varianz der kindlichen Entwicklung erklären. Wenn das Bildungssystem gut ist, bleibt ein Drittel übrig. Wenn wir also mit diesem paradigmatischen Wechsel gleichzeitig nicht nur die Bildungsinstitution, sondern die individuelle kindliche Bildungsbiografie in den Mittelpunkt stellen, dann müssen wir alle Bildungsorte einbeziehen, damit die Kompetenzen optimal für jedes Kind und von Anfang an gestärkt werden. Das geht nur mit der Familie. Wir sind seit geraumer Zeit dabei, diesem Wandel durch die Entwicklung von Bildungsplänen, durch öffentliche Debatten jene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die dieser Bereich verdient.

Wird die öffentliche Aufmerksamkeit ausreichen, oder wird das Bildungssystem auch schlicht mehr Geld benötigen?

Wir haben in der Bundesrepublik eine doppelte Herausforderung zu bewältigen. Die erste ist, dass die Gesamtinvestitionen in das Bildungssystem noch nicht das Niveau erreicht haben das andere vergleichbare OECD-Länder bereits praktizieren. Wenn Sie den OECD-Durchschnitt nehmen mit 5,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und dann den Vergleich mit uns anstellen, mit 4,8 Prozent, haben wir noch einige Hausaufgaben zu erledigen. Von dem Ziel, das die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten 2007 ins Auge gefasst hat, nämlich 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Bildung zu investieren, sind wir noch weit entfernt. Das zweite Problem, noch drängender und noch politisch brisanter, ist, dass die gesamte Forschung international die Frage, wann Investitionen sich rentieren, eindeutig beantwortet hat, nämlich dass den höchsten Nutzen die Investitionen bringen, die in den ersten fünf Jahren der kindlichen Entwicklung getätigt werden.

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