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Datum:
10.08.2011
Autor:
Sascha Steuer
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URL:
https://www.digital-lernen.de/nachrichten/netzpolitik/einzelansicht/artikel/debatte-ueber-klarnamen-im-internet-nimmt-an-fahrt-zu-innenministerium-rudert-zurueck.html
Title:
Debatte über Klarnamen im Internet nimmt an Fahrt zu – Innenministerium rudert zurück
Kategorie:
Netzpolitik
gastautoren stift

Debatte über Klarnamen im Internet nimmt an Fahrt zu – Innenministerium rudert zurück

Bundesinnenminister Friedrich
© Henning Schacht www.berlinpressphoto.de, Henning Schacht, berlinpressphoto.de

Seit Bundesinnenminister Friedrich im Spiegel-Interview eine Klarnamenpflicht im Internet forderte, melden sich immer mehr Unterstützer und Gegner dieser Idee zu Wort. Der Grünen-Netzpolitiker Konstantin von Notz entgegnete in der „Berliner Zeitung: „Die Forderung, dass jemand mit dem Personalausweis auf der Stirn herumlaufen muss, ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar“. Nun ruderte auch das Bundesinnenministerium zurück, Innenminister Friedrich plane kein Gesetz, auch sei Anonymität in einigen Bereichen des Internets durchaus sinnvoll.

Was beide Gruppen meist ignorieren: Das Internet ist ein weltweites Medium. Emailaccounts, Netzwerkprofile, Bestellvorgänge, Webseitenhosting, all das kann jeder Deutsche in jedem Land der Welt machen, ohne Klarnamenpflicht. Eine Klarnamenpflicht, die allein in Deutschland - also auf deutschen Servern - gelten würde, ist genauso wirkungslos wie die Pflicht deutscher Pornoseitenanbieter eine Altersverifikation vorzunehmen, während die Jugendlichen auf den zahllosen ausländischen frei zugänglichen Pornoseiten surfen. Und eine Klarnamenpflicht die in allen Staaten dieser Welt gilt, ist so unwahrscheinlich wie die Verständigung auf rechtlich einklagbare Menschenrechte rund um den Globus.

Grundlage für die Forderung des Bundesinnenministers ist der Vorstoß von Google in seinem neuen Sozialen Netzwerk Google+ eine Klarnamenpflicht einzuführen. Bei Google+ sollen sich Menschen vernetzen und ihre echten Bekannten nun auch virtuell in verschiedene Kommunikationsgruppen einteilen, denen dann gezielt Informationen übermittelt werden können. Anders als bei Facebook, wo es nur eine einzige Art von Freunden gibt, soll so der Nutzer entscheiden können ob er bestimmte Informationen nur seinen guten Freunden oder auch seinen Arbeitskollegen zuteilwerden lassen will. Doch anders als Facebook besteht Google auf dem echten Namen. Wie sollte man seine Bekannten und Freunde je finden, wenn diese anstatt Franz Müller plötzlich Glitzerschnecke68 hießen? Dagegen spricht, dass die Nutzer damit gegenüber der meistgenutzten Suchmaschine Google ihre wahre Identität preisgeben. Alle Informationen, Nachrichten, Fotos und Suchen können damit für immer einem bestimmten Menschen zugeordnet werden. Auch das Löschen eines Profils muss nicht zwangsläufig das Löschen der Daten zur Folge haben, Facebook speichert alle von einem Nutzer ins Netz gestellten Daten, auch wenn das Profil nicht mehr da ist. Die einmal bei Google+ hochgestellten Daten sind damit aus der hand gegeben und können durch das amerikanische Unternehmen nach bBelieben verwendet werden. Erst Ende vergangener Woche räumte Google gegenüber der Zeitschrift Wirtschaftswoche ein, immer wieder Daten auf europäischen Servern ohne Einverständniserklärung an amerikanische Behördern weiterzugeben.

Doch es geht nicht nur um die Nutzerrechte, es geht bei der Diskussion in erster Linie um die Kultur des Netzes. Die einen sehen mit der Klarnamenpflicht die Anonymität in Gefahr. Die anderen erhofften sich von der Klarnamenpflicht gerade das Ende von Anonymität und Maskierung von Verbrechern und Radikalen. Doch ist dies wirklich eine Frage von Schwarz oder Weiß? Wir wollen weiter im Netz anonym stöbern können, so wie in einer Buchhandlung, im Supermarkt oder auch anonym etwas bestellen können, wie das Bier in der Eckkneipe. Aber wir wollen auch denjenigen strafrechtlich verfolgen können, der uns fälschlich bezichtigt, beleidigt oder bedroht. Doch wie im physischen Leben auch bleibt dies im Internet nur ein frommer Wunsch. Denn wer in Deutschland ein Buch publiziert, muss dafür im Sinne des Pressegesetzes verantwortlich zeichnen, genauso ist es bei jeder Internetseite, die ein Impressum verlangt.

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10.08.2011
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Netzpolitik
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