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Datum:
06.06.2013
Autor:
Sven Becker
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URL:
https://www.digital-lernen.de/nachrichten/medienforschung/einzelansicht/artikel/sind-suchmaschinen-die-neuen-flaschenhaelse-des-internetzeitalters.html
Title:
Sind Suchmaschinen die neuen Flaschenhälse des Internetzeitalters?
Kategorie:
Medienforschung
Suchmaschine     

Sind Suchmaschinen die neuen Flaschenhälse des Internetzeitalters?

Suchmaschine
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© Alexander Klaus / pixelio.de

Sind Suchmaschinen die neuen Flaschenhälse des Internetzeitalters? Diese Frage ist das Thema einer Tagung, welche eigentlich hätte heute und morgen an der Universität Passau stattfinden sollen, wegen des Hochwassers in der Dreiflüssestadt verständlicherweise aber ausfallen muss. Das Magazin DIGITAL LERNEN sprach vorab mit Dr. Wolfgang Sander-Beuermann. Der renommierte Suchmaschinenforscher und Gründer des SUMA-EV, Verein für freien Wissenszugang hätte auf der Tagung den Eröffnungsvortrag halten sollen.

Suchmaschinen sind aus unserem Surfalltag nicht mehr wegzudenken. Mit ihnen ordnen wir die unübersichtliche Informationsflut von zig Milliarden Webseiten, recherchieren wir Wissen für Schule, Studium und Beruf oder suchen innerhalb von Sekunden die nächstgelegene Tankstelle heraus, falls uns beim Autofahren mal wieder der Sprit ausgeht. Suchmaschinen sind praktisch, effizient vor allem aber sind sie unverzichtbar für eine nutzerfreundliche Verwendung des Internets. Sander-Beuermann erklärt, warum Suchmaschinen so wichtig sind und wo ihre Probleme liegen: „Suchmaschinen sind die ‚ordnende Kraft‘ im Internet. Es gibt derzeit etwa 200 Millionen aktive Webserver mit Hunderten von Milliarden Webseiten. Um dort irgendetwas zu finden, braucht man Hilfsmittel - ohne sie ist es nahezu unmöglich, in diesem ‚Heuhaufen‘ die ‚Stecknadel‘ zu finden. Diese Hilfsmittel sind die Suchmaschinen; das heißt jeder, der im Internet Informationen sucht, muss durch sie hindurch. Jeder muss Suchmaschinen benutzen. Damit werden die Suchmaschinen zum ‚Flaschenhals‘ des Netzes, durch den täglich Milliarden Menschen ihre Fragen schicken.“  

Die fünf am meisten genutzten Suchmaschinen sind Google, Baidu, Yahoo!, Bing und Yandex - wobei Google den Suchmaschinenmarkt noch immer beherrscht. Ebenso wichtig wie die Marktverteilung ist beim Thema Suchmaschinen allerdings noch etwas anderes: ihre Funktionsweise ist kaum transparent. Anbieter von Internetdiensten und Nutzer sitzen hier im gleichen Boot. Für beide Seiten ist nur schwer nachzuvollziehen, welche Informationen aus welchen Gründen von den Algorithmen bevorzugt und in den Suchergebnissen nach oben geschwemmt werden. Einige profitieren von der Unklarheit: Suchmaschinen-Optimierung – SEO – ist ein gutes Geschäft. Aber diese Unklarheit und Intransparenz zieht auch juristische, ökonomische und soziale Probleme nach sich.

Sander-Beuermann erläutert gegenüber DIGITAL LERNEN den Kern des Problems: „Ich halte den Aspekt für besonders wichtig, dass mittlerweile fast alle Menschen durch den gleichen ‚Flaschenhals‘, durch die gleiche Suchmaschine, durch den gleichen Algorithmus, zu den Antworten auf ihre Fragen geleitet werden. Dadurch sieht die Welt für alle gleich aus. Aber genau das ist in der realen Welt nicht der Fall: die Vielseitigkeit in der Wahrnehmung geht verloren - alles wird durch die Brille desselben Algorithmus wahrgenommen, Querdenken wird ausgeblendet. Diesen Zustand halte ich für eine demokratisch-pluralistische Gesellschaft wie die unsere für nicht tolerierbar.“ Es sei wichtig diese Schieflage des momentanen Entwicklungsstandes des Internet im Blick zu halten - aber wie können wir sie ausgleichen?

Suchmaschinenforscher Sander-Beuermann sieht drei Maßnahmen zum Gegensteuern: „Erstens die Förderung und das Offenhalten von Alternativen. Es ist eines der wesentlichen Ziele von SUMA-EV, diese Alternativen wenigstens in Nischen offenzuhalten. Öffentliche Förderung ist ansonsten in der Wissenschaftspolitik bedauerlicherweise nach wie vor kaum vorhanden. Zweitens die Schaffung von Informationskompetenz der Nutzer: Zum einen müssen die Nutzer in der Lage sein, mehr als eine Suchmaschine bedienen und verstehen zu können. Zum anderen müssen die Nutzer verstehen, was die Folgen sind, wenn sie weiterhin nur ein paar wenige Monopol-Angebote im Internet nutzen. Drittens aber: mit den beiden obigen Maßnahmen ist ein Ausgleich jetzt leider nicht mehr möglich - dieser Zug ist vor etwa fünf bis sieben Jahren abgefahren und verpasst. Deutschland und Europa haben die Entwicklung verschlafen. Daher ist es in der aktuellen Situation nur noch durch Regulierungen - wie sie unter Anderem in der Europäischen Kommission im Kartellverfahren gerade behandelt werden - möglich, ausgleichend einzugreifen. Zu hoffen bleibt nur, dass die Kommission wirklich eingreift; so wie sie es 2007 im Kartellverfahren gegen Microsoft bereits tat. Genau das Gleiche ist jetzt gegen Google gefordert.“

Nachtrag: Die Tagung „Suchmaschinen – die neuen ‚Bottlenecks‘ des Internetzeitalters?“ soll im Wintersemester nachgeholt werden. Über Neuigkeiten werden wir Sie bei gegebener Zeit im Magazin DIGITAL LERNEN informieren.

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06.06.2013
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