Über diesen Artikel
Datum:
17.10.2013
Autor:
Sven Becker
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URL:
https://www.digital-lernen.de/nachrichten/medienforschung/einzelansicht/artikel/eine-neue-dimension-des-computerspiels-empathy-games.html
Title:
Eine neue Dimension des Computerspiels: "Empathy Games"
Kategorie:
Medienforschung
Trauriger Junge     

Eine neue Dimension des Computerspiels: "Empathy Games"

Trauriger Junge
Trauriger Junge     
© Melling liudmila / pixelio.de

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schreibt Schiller in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Der homo ludens entwickelt seine Fähigkeiten im Spiel. Auch in die digitalisierte Bildungswelt ist diese Idee längst eingezogen: wir kennen bereits das Phänomen der Gamification und die Vermittlung von Inhalten mit Serious Games – nun kommen die "Empathy Games" dazu.

Gamification nennt man die Anwendung von Elementen aus dem Spielekontext auf andere Bereiche, beispielsweise auf die Bildung. Erfahrungspunkte, Ranglisten oder Fortschrittsbalken ziehen in den Lernzusammenhang ein. In den USA sind bereits einzelne Schulen nach diesem Prinzip aufgebaut – und nach eigener Aussage arbeiten sie sehr erfolgreich. Serious Games verpacken den Lernstoff in ein Spiel und wollen auf diese Weise in einem ausgewogenen Verhältnis Wissen vermitteln und gleichzeitig unterhalten. Eng damit verwandt ist das Game Based Learning. Lernspiele, die dezidiert für den pädagogischen Kontext konzipiert werden.

"Empathy Games" zielen auf die Gefühlswelt. Es sind eher Übungen im Mitgefühl als Lernspiele und sprechen so einen ebenfalls wichtigen Aspekt von Bildung an. Allerdings ist die Idee nicht so ganz neu. Wir erinnern uns an die Tamagotchis, jene Computerküken, die mancher in den 90er Jahren fütterte und dabei durchaus eine quasi-emotionale Bindung zu diesen Pixelhaufen aufbaute.

Die Themen der zeitgenössischen "Empathy Games" betrüben: Selbstmord, Krebs, Depression. Sie wollen erreichen, dass der Spieler sich in die Spielsituation einfühlt, der Erfahrung der Spielfigur emotional nachspürt und sie versteht. Er soll in der Als-Ob-Situation die echte Erfahrung nachvollziehen lernen. Inzwischen ist aus diesem Ansatz ein kleines Sparten-Genre geworden. Es sind keine Spaß-Spiele. Ganz und gar nicht. Aber schließlich erschöpft sich das Spielen nicht im Spaß, wie auch Schiller andeutet. Colin Campbell sucht bei Polygon.com die Erklärung für diese thematische Erweiterung des Computerspiels im Erwachsenwerden des Computerspiel-Genres: „Die Spiele werden erwachsener, die Menschen, die sie spielen, verlangen nach Geschichten, die die conditio humana umspannen. Und so finden die Designer Wege, über wichtige Themen zu sprechen, während sie die traditionelle Spieldynamik beibehalten.“

Ein Beispiel ist das Spiel „That Dragon, Cancer“. Entwickelt wurde es von Ryan Green, einem Spieleentwickler, dessen Sohn schwer an Krebs erkrankte. Er wendete diese tragische Episode seines Lebens schöpferisch und entdeckte dabei eine neue Dimension dessen, was Computerspiele sein können. Sein Spiel versetzt den Spieler in die Lage des hilflosen Vaters, dessen junger Sohn gegen den Krebs kämpft. Der Spieler sitzt mit dem Sohn im Krankenzimmer, er leidet mit unter dem Schwanken zwischen Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit gegenüber den blinkenden und piependen Maschinen und kafkaesker Ungewissheit. Ein weiteres Spiel dieser Art ist „Depression Quest“. Zoe Quinn hat dieses textbasierte Adventure  designt, in dem der Spieler versuchen muss Entscheidungen zu treffen, während er sich in einer klinischen Depression befindet. 300 000 Menschen haben das Spiel bereits gespielt und dabei die düstere Perspektive der Depression in einer Art geistiger Simulation nacherlebt. Doch nicht alle Empathy Games sind so finster. Beispielsweise David Gallants Spiel „I Get This Call Every Day“, das den Alltag eines Mitarbeiters in einem Callcenter im Kundensupport thematisiert – das mag zwar die Nerven freilegen und sehr frustrierend sein.

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17.10.2013
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Sven Becker
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Eine neue Dimension des Computerspiels: "Empathy Games"
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