Über diesen Artikel
Datum:
17.02.2012
Autor:
Sascha Steuer
Aktionen:
Drucken
URL:
https://www.digital-lernen.de/nachrichten/jugendmedienschutz/einzelansicht/artikel/paradox-anerkennung-von-jugendschutzprogrammen-verschlechtert-den-jugendschutz.html
Title:
Paradox: Jugendschutzprogramme verschlechtern den Jugendschutz
Kategorie:
Jugendmedienschutz
gastautoren stift

Paradox: Jugendschutzprogramme verschlechtern den Jugendschutz

Paul ist zwölf als er im Internet erstmalig auf Pornografie stößt, er ist schockiert und interessiert, doch eine Alterskontrolle hindert ihn daran mehr zu sehen als kleine Vorschaubilder. Paul steht stellvertretend für 54 Prozent aller deutschen Kinder, die laut KIM-Studie 2010 bereits auf Pornografie im Internet gestoßen sind. Wer jedoch mehr als kleine Vorschaubilder sehen will, muss auf deutschen Websites je nach Inhalt über 16 oder über 18 sein und sein Alter zunächst durch die Eingabe von Kreditkartendaten belegen. Das kann sich demnächst ändern, denn paradoxerweise können die deutschen Anbieter solcher Pornoseiten im Namen des Jugendschutzes demnächst für die Inhalte ab 16-Jahre auf eine Altersverifikation verzichten.

Der Grund für den Wegfall der Altersabfrage ist die Anerkennung zweier „Jugendschutzprogramme“. Das sind Filterprogramme, die von Eltern auf dem heimischen Computer installiert werden können und mit denen jugendgefährdende und entwicklungsbeeinträchtigende Websites gesperrt werden. Zwei dieser Jugendschutzprogramme wurden nun durch die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) anerkannt, sprich empfohlen. Die KJM ist ein Zusammenschluss der 16 Landesmedienanstalten. Um die Empfehlung haben sich die Hersteller der beiden Jugendschutzprogramme bei der KJM beworben und ihre Programme als Testversion zur Verfügung gestellt. Anschließend wurde geprüft, ob die Programme den KJM-Kriterien zur Anerkennung entsprechen. Am Ende wurde das Jugendschutzprogramm der Telekom und das Jugendschutzprogramm des Vereins JusProg unter Auflagen anerkannt.

Um zu verstehen, was diese Empfehlung mit der Altersverifikation von Pornowebsites zu tun hat, muss man in den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag von 2003 schauen. Denn was heute vielen als widersinnig erscheint, wurde damals in Gesetzesform gegossen. Danach obliegt der Jugendmedienschutz den Anbietern von jugendgefährdenden Websites, jedenfalls solange, bis Jugendschutzprogramme offiziell anerkannt werden. Sobald dies geschehen ist, obliegt der Jugendmedienschutz plötzlich den Erziehungsberechtigten. Diese müssten nun Jugendschutzprogramme einsetzen, da ihre Kinder sonst auf Inhalte stoßen, die Anbieter früher so nicht in Verkehr setzen durften.

Daher verwundert es nicht, dass insbesondere die Pornoindustrie ein Interesse an der Anerkennung von Jugendschutzprogrammen hatte. Unternehmen wie Orion, Beate Uhse und Fundorado haben sich bereits 2003 in dem Verein JusProg zusammengeschlossen um ein Jugendschutzprogramm zu entwickeln. Das damals entwickelte und der KJM zur Anerkennung vorgelegte Jugendschutzprogramm wurde jedoch nach mehreren Jahren als mangelhaft aus der Testphase entlassen. Nachdem dann im Jahr 2010 eine Reform des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags scheiterte, wurden die Kriterien zur Anerkennung von Jugendschutzprogrammen durch die KJM gelockert. Der Verein JusProg unternahm einen neuen Versuch sein Programm zur Anerkennung zu bringen und hatte Erfolg. Die Anerkennung der Jugendschutzprogramme ist also in erster Linie ein Sieg für die Pornoanbieter.

Die KJM ist in einem Dilemma, denn solange nur wenige Eltern das Internet filtern, bedeutet die offizielle Anerkennung der Jugendschutzprogramme faktisch eine Verschlechterung des Jugendmedienschutzes. Laut der letzten KIM-Studie haben lediglich 14 Prozent der Eltern in Deutschland ein Jugendschutzprogramm auf ihren Computern installiert und 41 Prozent lassen ihre Kinder unbeaufsichtigt im Internet surfen. Die unbeaufsichtigten Kinder werden also demnächst nicht nur zu ausländischen sondern auch zu deutschen Pornowebsites ungehinderten Zugang haben.

Der Wegfall der Altersverifikation bedeutet auch, dass Schülerinnen und Schüler in der Schule Pornografie einfacher aufrufen können, wenn die Schule keinen Schulfilter besitzt. Schutz davor bieten dann nur noch wirksame Schulfilter auf dem aktuellen Stand der Technik, die für alle Endgeräte im Schulnetzwerk funktionieren.

Die Leiterin der KJM-Stabsstelle, Verena Weigand, räumt gegenüber DIGITAL LERNEN ein: "Es ist ein Problem, dass den Anbietern zwar im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag die Möglichkeit gegeben wird ihr Angebot für ein Jugendschutzprogramm zu programmieren, sie aber in der Regel nicht für die Programme selbst verantwortlich sind." Daher sollen nun  Auflagen sicherstellen, „dass die Jugendschutzprogramme ständig  weiterentwickelt werden, denn ein Jugendschutzprogramm muss sich am jeweiligen Stand der Technik orientieren." Die KJM misstraut offenbar ihrer eigenen Anerkennung.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ein heute anerkanntes Programm schlechter sein kann, als ein nicht anerkanntes Programm.

1 2  
Über diesen Artikel
Datum:
17.02.2012
Autor:
Sascha Steuer
Aktionen:
Drucken
URL:
https://www.digital-lernen.de/nachrichten/jugendmedienschutz/einzelansicht/artikel/paradox-anerkennung-von-jugendschutzprogrammen-verschlechtert-den-jugendschutz.html
Title:
Paradox: Jugendschutzprogramme verschlechtern den Jugendschutz
Kategorie:
Jugendmedienschutz
gastautoren stift
Diesen Artikel teilen