Über diesen Artikel
Datum:
21.06.2013
Autor:
Thorsten Greb
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URL:
https://www.digital-lernen.de/nachrichten/diverses/artikel/robert-witoschek-digitale-klangproduktion-als-bestandteil-einer-zeitgemaessen-medienbildung.html
Title:
Robert Witoschek: Digitale Klangproduktion als Bestandteil einer zeitgemäßen Medienbildung
Kategorie:
Gastbeitrag / Interview
Robert Witoschek, Projektleiter der noisy Academy     

Robert Witoschek: Digitale Klangproduktion als Bestandteil einer zeitgemäßen Medienbildung

Robert Witoschek, Projektleiter der noisy Academy
Robert Witoschek, Projektleiter der noisy Academy     
© neolern GmbH, Thorsten Greb

Robert Witoschek ist Projektleiter der noisy Academy und in dieser Funktion zuständig für das operative Management. Neben seiner beruflichen und privaten Begeisterung für das Musikmachen ist der Bildungsbereich seine zweite große Profession. Als freischaffender Bildungsberater und Projektmanager entwickelt Witoschek Konzepte und Umsetzungsszenarien für Projektvorhaben im privaten und öffentlichen Bildungssektor. Im gestern erschienenen ersten Teil der noisy Academy Reportage haben wir einen Einblick in Witoscheks tägliches Arbeitsumfeld bekommen. Im heutigen Interview wird er uns erläutern, warum seiner Auffassung nach die digitale Klangproduktion in die schulische Medienbildung von Heute gehört. 

DIGITAL LERNEN: Mir erzählte kürzlich ein Gymnasiallehrer, dass die neusten Computer seiner Schule mit Windows XP laufen, einige sogar noch mit Windows 98. Entsprechend in die Jahre gekommen war die Hardware. Dieses Gymnasium ist kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für viele Schulen in Deutschland, die noch immer mit veralteter Informationstechnologie ausgestattet sind. Ist das Thema digitale Klangproduktion im Musikunterricht damit nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt?  

Robert Witoschek: Nein, das denke ich nicht. Sicher werden die wenigsten Schulen in öffentlicher Trägerschaft – besonders im chronisch klammen Berlin –  über die finanziellen Mittel verfügen, sich einen derart ausgestatteten IT-Musikraum anzuschaffen. Aber dazu besteht auch keine Notwendigkeit. Schließlich ist es nicht die Aufgabe der Schule, professionell ausgebildete Sounddesigner oder Musikproduzenten hervorzubringen. Die Schule soll eine solide und zugleich zeitgemäße Grundbildung vermitteln. Für den schulischen Musikunterricht von heute bedeutet das, die Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien in der Musik aufzuzeigen. Um diese Basics zu vermitteln, bedarf  es keiner aufwendigen und teuren Technik. Viel wichtiger sind meiner Meinung nach eine gute Portion Kreativität und der Wille bei den Lehrern und Entscheidungsträgern, sich den neuen Möglichkeiten zu öffnen.     

DIGITAL LERNEN: Würden Sie sagen, dass die digitale Klangproduktion ein fester Bestandteil in der schulischen Medienbildung werden sollte?

Robert Witoschek: Es wäre absolut unzeitgemäß, das Thema heutzutage nicht im Rahmen der schulischen Medienbildung zu vermitteln. Das soll kein Wettern gegen die klassische Musikausbildung in der Schule sein, denn auch in der digitalen Klangproduktion gelten die rhythmisch-musikalischen Gesetzmäßigkeiten und das Wissen um den Umgang mit „analogen“ Instrumenten. Insofern ist der Computer nur eines unter vielen Tools.         

Gleichwohl: Ohne digitale Hilfsmittel und den medienkompetenten Background läuft kaum noch etwas im Musikgeschäft. Und dabei geht es nicht nur um die Fähigkeit, Studiosoftware oder -hardware bedienen zu können, sondern beispielsweise auch um die Anschlussverwertung über digitale Vertriebskanäle und Social Media Plattformen wie Soundcloud oder MySpace. Die digitale Klangproduktion ist inzwischen zu einer Querschnittkompetenz geworden, welche über die Grenzen der Musikbranche hinaus nachgefragt wird: Kaum ein Kinofilm oder Werbevideo funktioniert heutzutage ohne computergestütztes Sounddesign. Vor diesem Hintergrund ist es für mich nur konsequent, dem Thema einen prominenten Stellenwert neben anderen Teilaspekten der schulischen Medienbildung zuzugestehen. Nicht zuletzt, um musisch und künstlerisch interessierten Schülern berufliche Perspektiven aufzuzeigen.  

DIGITAL LERNEN: Wird der Musikunterricht für Schüler dadurch auch interessanter?

Robert Witoschek: Davon bin ich überzeugt. Die Arbeits- und Kommunikationswelt der Schüler ist ja ohnehin schon sehr stark von Smartphones, Tablets und Computern geprägt. Sie verbringen einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit in sozialen Netzwerken wie Facebook und auf Musikportalen wie YouTube, MySpace oder Soundcloud. Was gibt es da motivierendes, als die Schüler im Unterricht mit jenen Tools auszustatten, die sie auch aus ihrer privaten Umgebung kennen und so zu zeigen, dass es damit auch professionelle Möglichkeiten der Arbeit gibt. Der Musikunterricht kann dadurch interessanter gestaltet werden, weil sich die Schüler dort wiederfinden. Gleichzeitig bringt es die Musik, die sie sonst nur als Konsumenten kennen, in ihren eigenen Einflussbereich, an dem sie sich plötzlich experimentell ausprobieren können. Das erhöht die Motivation, sich mit Musik als Ganzes auseinander zu setzen, ungemein.     

DIGITAL LERNEN: Wo bestehen Ihrer Meinung nach Berührungspunkte zu anderen Kernkompetenzen, die Schüler im Laufe ihres Schullebens vermittelt bekommen?

Robert Witoschek: Ich sehe hier beispielsweise Schnittmengen mit mathematischen, technischen und logischen Denkstrukturen. Oberflächlich schiebt man in der Studiosoftware bunte Regler und Klötzchen hin und her, generiert ein paar Hip Hop oder Electro Beats und legt 'knarzende' Baselines drunter - fertig ist der Track! Aber unterschwellig setzt man sich mit ganz elementaren Sachverhalten auseinander, mit Notenwerten, mit mathematischen Größen, mit Ebenen, Filtern, Kurven und wie bestimmte Faktoren die Verlaufsform einer Kurve beeinflussen. Das sind alles Dinge, die den Schülern im sogenannten MINT-Bereich früher oder später über den Weg laufen.  

DIGITAL LERNEN: Das klingt, als könnten dabei alle Beteiligten nur „gewinnen“. Woran hapert es bei der praktischen Umsetzung?

Robert Witoschek: Hier einen einzigen Grund zu nennen oder den schwarzen Peter zu verteilen halte ich für unseriös. Ich denke, es wirken mehrere Faktoren ineinander. Und man darf auch nicht vergessen, dass Träger in ihrer Schulentwicklungsplanung häufig andere Schwerpunkte als eine musische oder künstlerische Erziehung für ihre Schulen festschreiben. Das führt dazu, dass Themen wie digitale Klangproduktion in der Prioritätenliste entsprechend zurückstehen. Was meine persönliche Erfahrung bei der noisy Academy betrifft kann ich folgendes sagen: Das Interesse und der Zuspruch seitens der Pädagogen sind sehr groß. Wir hatten schon viele Berliner Lehrerinnen und Lehrer aus allen Schulstufen und Schularten bei uns in den Workshops. Sie bilden sich hier weiter, um Tipps zu bekommen, wie sie ihren Musikunterricht mit digitalen Medien bereichern können. Unterstützung oder Zuspruch seitens der Schulleitungen haben, nach eigenen Aussagen, dabei die wenigsten bekommen. Das war in den Gesprächen immer wieder herauszuhören. Diese Lehrer haben die Kurse dann schlussendlich aus eigener Tasche bezahlt und in ihrer Freizeit belegt.  

DIGITAL LERNEN: Was können Einrichtungen wie die noisy Academy dazu beitragen, digitale Klangproduktion in den Schulen populärer zu machen und bestehen möglicherweise schon Ideen oder Projekte?  

Robert Witoschek: Mir kommt hier spontan die Werbeformel eines bekannten deutschen Autobauers in den Sinn: „Technik, die begeistert“. Einen ähnlichen Effekt sehe ich auch bei der noisy Academy. Wir bieten den Schülern, Pädagogen und Entscheidungsträgern die Möglichkeit, sich unter professionellen Studiobedingungen praktisch auszuprobieren und sich zu informieren, welche Möglichkeiten die digitalen Medien im schulischen Musikunterricht eröffnen. Die Schüler können hier live erleben, wie spannend und anspruchsvoll dieses Tätigkeitsfeld ist und Kritiker sehen, dass digitale Klangproduktion mehr ist, als nur bloßes Knöpfe drücken am Computer. Ich denke, dass die Schüler und Lehrer durchaus mit Tatendrang und frischen Ideen in ihre Schulen zurückkehren und versuchen das erlebte mit ihren Möglichkeiten vor Ort umzusetzen. Vor diesem Hintergrund wäre es für uns gut vorstellbar, interessierte Schulklassen zu Exkursionen in die noisy Academy einzuladen. Tagsüber ist der IT-Klassenraum ohnehin ungenutzt. Da könnte man den Raum prima bespielen, indem man Schulen hier rein holt und sie nicht nur diese „neue“ Unterrichtsform, sondern auch dieses besondere Milieu erleben lässt. Die Schüler können hier auch mal Peter Fox oder die BEATSTEAKS sehen, wie sie gerade ihre Gitarrenkoffer in den Keller tragen und mal eine Frage stellen oder einfach nur schauen, wie das ganze Berufsumfeld Musik überhaupt funktioniert. 

Das Interview führte Thorsten Greb.

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21.06.2013
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Thorsten Greb
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Robert Witoschek, Projektleiter der noisy Academy     
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