Über diesen Artikel
Datum:
03.05.2013
Autor:
Prof. Peter Henning
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URL:
https://www.digital-lernen.de/nachrichten/diverses/artikel/gastbeitrag-digitale-relevanz-warum-computer-in-die-schule-gehoeren.html
Title:
Gastbeitrag: Digitale Relevanz. Warum Computer in die Schule gehören
Kategorie:
Gastbeitrag / Interview
Prof. Peter A. Henning     

Gastbeitrag: Digitale Relevanz. Warum Computer in die Schule gehören

Prof. Peter A. Henning
Prof. Peter A. Henning     
© Copyright: Christopher Rausch Fotografie, Photographer: Christopher Rausch

Prof. Dr. Peter A. Henning ist Physiker und Informatiker. Seit 1998 ist er Professor für Informatik und Multimedia und leitet das media::lab der Hochschule Karlsruhe. Seit 2013 ist er außerdem Gastprofessor für Information Business Technologies an der privaten Steinbeis-Hochschule Berlin. Für DIGITAL LERNEN hat er einen Gastbeitrag verfasst, in dem er aufzeigt, warum Computer heute zum Schulunterricht gehören müssen.

Fast jedem heute lebenden Menschen ist klar, wie schnell sich die Welt verändert, und dass das Tempo der Veränderungen immer weiter zunimmt. Entwicklungsländer von gestern sind heute Konkurrenten auf dem Weltmarkt – und Industrien von heute werden innerhalb von Tagen zu den Sorgenkindern von morgen. Innerhalb von Tagen werden so viele Informationen produziert, wie in den ersten 5000 Jahren der Zivilisation. Wissen ist zum globalen Rohstoff geworden, und die neuen Händler der virtuellen Ware sind reicher als große Traditionskonzerne.

Verändert hat sich auch der Sinn von Bildung. Denn Bildung ist längst nicht mehr ein „Wert an sich“, sondern muss sich heute messen lassen. Und zwar daran, ob sie den Gebildeten die aktive Partizipation an dieser schnell veränderlichen Welt ermöglicht. Das Entstehen des bürgerlichen Bildungsparadigmas – eben vom „Wert an sich“ der Bildung – kannte eine solche Messlatte nicht. Dem Sohn eines einigermaßen gut situierten Bürgerpaares aus dem 19. Jahrhundert war Partizipation garantiert, sozusagen in die Wiege gelegt. Doch diese Zeiten sind vorbei, und sie werden nie wiederkehren.

Bildung ist darum heute eben nicht mehr zweckfrei, sondern nur Bildung sichert das Mithalten bei den immer schnelleren Veränderungen, sichert die Partizipation. Gefragt in der schönen neuen Welt sind Fähigkeiten (skills) und Wissen (knowledge) – aber bitte generische Fähigkeiten, die sich immer wieder verwenden lassen, und aktuelles Wissen, das unmittelbar anwendbar ist. Nun könnte man sich als Verfechter des guten alten bürgerlichen Bildungsparadigmas allerdings auch fragen, ob dies so sein muss. Ob man nicht vielmehr Bildung zur Entschleunigung einsetzen muss, um das Wahre, Schöne, Gute zu bewahren. Ob sich nicht der wahrhaft Gebildete weigern sollte, seine gedruckten Bücher beiseite zu legen und zum E-Book-Reader zu greifen. Ob man nicht gerade deshalb den schwammigen Begriff der Persönlichkeitsbildung wieder in den Mittelpunkt stellen sollte und sich ganz klassisch auf „Kultur“ besinnen müsste.

Das kann man zwar sicher machen – aber der Preis dafür ist hoch. Denn wir leben Dank der digitalen Kommunikation heute Tür an Tür mit Menschen, an denen das klassische Bildungsparadigma vorbeigegangen ist: Südamerika, Asien und in letzter Zeit Afrika sind Regionen, deren Bewohner begreifen, dass ihnen nur Bildung und Fortschritt die Wege zur Partizipation öffnen. Vor wenigen Jahren noch Sorgenkinder, verfügt in ostafrikanischen Staaten inzwischen jeder Dritte über ein Mobiltelefon – und zum Teufel mit der Tradition. Der Preis der Verweigerung wäre also, sich im Fortschritt von denen überholen zu lassen, die bisher eben nicht partizipiert haben. Denn nicht einmal der überzeugteste Humanist wird glauben, dass diese Entwicklung lediglich ein Aufholen sein wird. Sondern sie wird, wo immer möglich, in einem Überholen bestehen und uns verwundert, beschädigt und in Armut und Abhängigkeit zurücklassen.

Digitale Kommunikation ist der treibende Faktor in der globalisierten Weltordnung. Sie sichert den Zugriff auf Wissensressourcen, und zwar nicht nur auf Webseiten, Bilder und Inhalte – sondern auch auf Menschen, die wir fragen und mit denen wir kommunizieren können. Wissen ist längst im digitalen Netz gespeichert, und Fähigkeiten erlernen wir in der Diskussion mit anderen, nicht mehr vom „Vorbild Lehrer“. Computer, genauer gesagt digitale Endgeräte aller Art, sind der Zugangsweg in diese Welt. Partizipation erfordert digitale Kommunikation, diese ist darum unmittelbare Voraussetzung zur Erreichung eines partizipativen Bildungsziels.

Die Frage, ob Computer in die Schule gehören, genauer: In den Unterricht, nicht nur in einen sorgfältig isolierten Computerraum, hat also keinen technischen Hintergrund. Sie hat auch nichts, gar nichts, mit der Tatsache zu tun, dass Schüler irgendwann einmal „im späteren Leben“ an einem Büroarbeitsplatz mit Office-Software in Berührung kommen werden. Wer deshalb glaubt, unsere Kinder zukunftsfähig zu machen, indem er sie das zehnfingrige Schreiben auf einer Tastatur und die Benutzung eines Tabellenkalkulationsprogramms erlernen lässt, hat den gegenwärtigen Weg der Welt nicht verstanden. Die Frage, ob Computer in die Schule gehören, hat vielmehr damit zu tun, dass die relevante Zukunftsentwicklung sich im digitalen Netz abspielt.

Digitale Relevanz ist deshalb das Stichwort: Der Umgang mit digitalen Endgeräten ist Kulturfähigkeit. Digitales Lernen ist deshalb Lernen für die Zukunft, und nicht technische Vorbereitung auf einen Büroarbeitsplatz.

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03.05.2013
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Prof. Peter Henning
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