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Datum:
10.07.2013
Autor:
Thorsten Greb
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Title:
Die Grundsteinlegung des globalen Dorfes
Kategorie:
Technik
Informationsfluss     

Die Grundsteinlegung des globalen Dorfes

Informationsfluss
Informationsfluss     
© Gerd Altmann / pixelio.de

Tapfer wie eine gallische Enklave erwehrte sich der weltweit letztverbliebene staatliche Telegrafenservice dem technischen Fortschritt. Doch gegen die erdrückende Übermacht von SMS, Fax und E-Mail ist mit Telegrammen heute kein Stich mehr zu machen. Nur noch 5.000 telegrafische Nachrichten am Tag bei jährlich rund 23 Millionen Dollar Verlust haben den indischen Staatskonzern Bharat Sanchar Nigam Limited (BSNL) nun dazu bewogen, den Telegrafenbetrieb endgültig einzustellen.1 Am kommenden Sonntag, dem 14. Juli 2013 wird das letzte Telegramm im Dienste des Staates auf dem indischen Subkontinent versendet. 

Überholt von der Informations- und Telekommunikationstechnologie des 20. Jahrhunderts hatte die Telegrafie bereits vor Jahrzehnten ihre Alltagstauglichkeit im Post- und Fernmeldewesen eingebüßt, bevor sie ganz und gar in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Im frühen 21. Jahrhundert ist ihr Ende im Grunde nicht mehr als eine Randnotiz. Symbolisch betrachtet ist der kommende Sonntag dennoch von besonderer Bedeutung, denn er wird den Schlussstrich unter eine Technologie ziehen, die vor rund 160 Jahren die Nachrichten- und Informationsübermittlung auf den Kopf stellte und der globalen Informationsgesellschaft den Weg ebnete. Anlass genug, um auf dieses spannende Kapitel zurückzublicken. 

Die erste übertragene Telegrafennachricht war einer der ganz großen Meilensteine der modernen Technikgeschichte – ähnlich bahnbrechend wie die erste mit Dampf betriebene Eisenbahn oder die Invention der industriellen Spinnmaschine. Ende des 18. Jahrhunderts erfunden und in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts maßgeblich durch den US-amerikanischen Erfinder Samuel F. B. Morse und seinem elektrischen Schreibetelegrafen zur Marktreife geführt, schickte sich die Telegrafie innerhalb kürzester Zeit an, die Informations- und Nachrichtenübermittlung zu revolutionieren. Nachdem im Jahr 1844 die erste kabelgebundene Telegrafenlinie über Land in Betrieb genommen worden war, dauerte es nur sechs Jahre, bis ein dauerhaft funktionsfähiges Unterseekabel Kontinentaleuropa mit England verband.2 Ab 1866 bestand eine permanente Unterseeverbindung zwischen Europa und Nordamerika.3 Überall auf dem Globus erfuhr die Telegrafie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen regelrechten Boom und so waren bereits in den späten 1870er Jahren weite Teile der Erde telegrafisch erschlossen. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte der Ausbau des weltweiten Telegrafennetzes um die Wende zum 20. Jahrhundert.4

Wie die meisten technologischen Entwicklungen vor und nach ihr, war die Nutzung der Telegrafie zu Beginn ihres Innovationszyklus komplex und kostenintensiv, was den Nutzerkreis und die Einsatzgebiete überschaubar hielt.5 Zur Anwendung kam dieses neue Medium daher hauptsächlich in der Fernkommunikation und hier überwiegend im Staatswesen, der Wirtschaft (insbesondere dem Finanz- und Nachrichtenwesen) und in den wohlsituierten Kreisen der Gesellschaft. Die Erschließung des Massenmarktes blieb den Nachfolgetechnologien der Telegrafie vorbehalten. Für den prominenten Platz in den Geschichtsbüchern war aber ohnehin ein anderer Aspekt von weitaus größerer Bedeutung: Die Telegrafie brachte eine für damalige Maßstäbe unvorstellbare Beschleunigung der Informationsverbreitung mit sich.

Die Zeitersparnis gegenüber den damals noch üblichen Formen der Nachrichten- und Informationsübermittlung mit der Postkutsche, Brieftaube, Eisenbahn oder dem Dampfschiff war gigantisch, denn durch die Telegrafie kam es zu einer Entkoppelung des zu übermittelnden Inhalts vom Überbringer. Nachrichten konnten nun um ein vielfaches schneller übermittelt werden, weil sie nicht mehr an die physischen und physikalischen Grenzen menschlicher Fortbewegungsmittel gebunden waren. Der Historiker Roland Wenzlhuemer nennt dies treffend die „Entmaterialisierung“6 der menschlichen Kommunikation. Besonders deutlich wurde die Zeitersparnis in der Überseekommunikation. Hier belief sich der Geschwindigkeitszuwachs der Telegrafie gegenüber dem Dampfschiff in Größenordnungen um den  Faktor 10.000.7 So benötigte beispielsweise ein Telegramm von London bis ins indische Kalkutta nur noch wenige Minuten, während die gleiche Nachricht, auf einem Dampfschiff transportiert, mehrere Wochen unterwegs gewesen wäre.

Um zu verstehen, wie gravierend dieser technologische Sprung für die Menschen damals gewesen sein mag, soll ein kurzes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit herangezogen werden: der Geschwindigkeitszuwachs um den Faktor 10.000 entspricht rechnerisch in etwa dem Sprung von einem Internetzugang via 56k Modem – Verbindungsstandard in den späten 1990er Jahren - auf eine 500 Mbit/s Breitbandanbindung, wie sie inzwischen technisch möglich ist und sich in naher Zukunft durchsetzen wird. Hätten Sie für den Download einer ein Gigabyte großen Datei mit 56k Modem noch etwa 42 Stunden benötigt, würde der selbe Vorgang mit einer 500 Mbit/s Internetanbindung weniger als eine Minute in Anspruch nehmen. Bedenkt man nun noch die brachialen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungskräfte, die das Breitbandinternet in den vergangenen 20 Jahren bewirkte, kann man sich in etwa vorstellen, welch eine Initialzündung die Telegrafie damals ausgelöst hat.

Plötzlich war es von unmittelbarer Bedeutung, wenn auf der anderen Seite des Ozeans etwas passierte. Nicht weil diese Ereignisse auf einmal wichtiger oder bedeutungsvoller waren als zuvor, sondern allein weil sich das Wissen darüber innerhalb kürzester Zeit über den Globus ausbreiten konnte. Das Nachrichtenwesen und der Finanzmarktkapitalismus waren zwei der Hauptprofiteure, genauso wie der kulturelle und soziale Austausch über weite Entfernungen hinweg, welcher nun viel einfacher und schneller möglich war.

Es war die Verkabelung der Welt und der damit einhergehende Geschwindigkeitszuwachs in der menschlichen Kommunikation, die diese neue Phase der globalen Integration einleitete und damit den Grundstein für das legte, was Sozialwissenschaftler und Technikforscher heute als globale Informationsgesellschaft bezeichnen. Die Idee eines World Wide Web und des „überall erreichbar seins“, welche unsere Lebenswelt mehr und mehr bestimmen, die technologischen Errungenschaften, wie Glasfaserleitung unterhalb der Ozeane, die im Übrigen überwiegend dort verlaufen, wo früher die Telegrafenlinien gezogen wurden und Technologien wie WLAN, GSM oder LTE beruhen im Kern auf der Telegrafie und ihrer kontinuierlichen Fortentwicklung.

Heute begegnet uns die Telegrafie - wenn überhaupt- in literarischen Beschreibungen, Sachbüchern, Filmen oder in Gestalt von Anschauungsobjekten in Technikmuseen. Zum Einsatz kommt sie allenfalls noch aus nostalgischen Beweggründen. Die Einstellung des weltweit letzten Telegrafenservice am kommenden Sonntag ist daher ein geeigneter Anlass sich ins Gedächtnis zu rufen, was wir den Technikpionieren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu verdanken haben.

Quellen:

1 vgl. Steadman, Ian: India to close world's last statetelegram service on 14 July, http://www.wired.co.uk/news/archive/2013-06/18/last-telegram-india (zuletzt abgerufen am 09.07.2013).

2 vgl. Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, Sonderausgabe 2011, München 2011, S. 74.

3 vgl. Ebd. S. 74.

4 vgl. Wenzlhuemer, Roland: Die Verkabelung der Welt. Wie die Telegrafie zum Motor der Globalisierung wurde, http://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/2010-1/04die.html (zuletzt abgerufen am 09.07.2013).

5 vgl. Ebd.

6 vgl. Ebd.

7 Meyer, Robert: Verkehrs-und Kommunikationsmedien in der Globalisierung und die Relevanz des Raumes, in: Mayer, Tilman/ Meyer, Robert/ Miliopoulus, Lazaros u.a. (Hrsg.), Globalisirung im Fokusvon Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Eine Bestandsaufnahme, Wiesbaden 2011, S.108.

 

     

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