Über diesen Artikel
Datum:
01.11.2012
Autor:
Sven Becker
Aktionen:
Drucken
URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/schulpraxis/einzelansicht/artikel/programmieren-fuer-alle.html
Title:
Programmieren für alle?
Kategorie:
Schulpraxis
redaktion sven becker

Programmieren für alle?

zahlenspirale
© Gerd Altmann, pixelio.de

Ein nicht unbedeutender Teil der alltäglichen Lebenswelt Jugendlicher liegt online. Dieser Teil der Welt ist aus Code gemacht, und, um ihn richtig verstehen zu können, muss man wenigstens prinzipielle Programmierkenntnisse haben. Aber sollte deshalb jedes Kind in der Schule lernen, wie man einen Computer programmiert? Reicht es nicht aus, eine allgemeinere und auch breiter angelegte „Medienkompetenz“ zu vermitteln?

Über Medienkompetenz sollen Schüler verfügen, darin besteht Einigkeit. Sie sollen wissen, wie man die einschlägigen Programme bedient, sie sollen die Anwendungen selbst sowie die durch sie übermittelten Inhalte kritisch beurteilen können, sie sollen lernen eigene Medienprodukte zu schaffen und einiges mehr. Man könnte aber einwenden, hinter diesem Begriff von Medienkompetenz stehe eine konsumistische Perspektive: Lediglich die angebotenen Möglichkeiten sollen kompetent genutzt werden können. Die zu Grunde liegenden Bedingungen, die Codierung der Möglichkeiten, werden nicht berührt. Genügt das dem Anspruch einer allgemeinen Grundbildung, welche die Schule leisten soll?

Douglas Rushkoff illustriert diesen Gedanken: „Als Menschen Sprache erlangt haben, haben wir nicht nur gelernt zuzuhören. Wir haben gelernt zu sprechen. Als Menschen sich Text angeeignet haben, haben wir nicht nur gelernt zu lesen, sondern auch zu schreiben. Und nun, da wir Computer besitzen, sollten wir nicht nur lernen sie zu benutzen, sondern auch zu programmieren.“ Diesen Ansatz entfaltet Rushkoff in seinem Buch „Program or be programmed“. Folgte man seiner Argumentation, müsste man die Grundbildung um eine vierte Kulturtechnik erweitern: eine auch das Programmieren umfassende Medienbildung.

Ein anderes Argument liefert Estland. In diesem Schuljahr startet dort das Programm „ProgeTiiger“ der Estonian Tiger Leap Foundation. „Schüler der Stufen eins bis zwölf werden darin eingeführt, wie man Computer programmiert und Web- und mobile Anwendungen kreiert.“ „Die ersten, die mit den „ProgeTiiger“ Programmier-Lektionen beginnen, sind Grundschüler, deren Lehrer im September eine entsprechende Fortbildung absolviert haben.“ Allerdings ist dieser Ansatz wirtschaftlich motiviert. Die Initiative reagiert auf einen Fachkräftemangel in der stark digital geprägten Wirtschaftsstruktur des Landes. Doch auch wenn die deutschen Systeme nicht so informatisiert sind wie jene Estlands, kann man das Argument durchaus übertragen, zumal es der hiesigen Ökonomisierung der Bildung und ihrer zunehmenden Orientierung an Zweck und Output entspricht.

Beide Argumentationslinien, die bildungsphilosophische und die ökonomische, treffen auf eine Phalanx plausibler Skepsis: Programmieren lernen koste Zeit und damit Geld, eine pädagogische und zweckbezogene Notwendigkeit bestehe nicht – schließlich werde das Programmieren in nur wenigen Berufsfeldern benötigt. Zu überlegen wäre also, ob diese Erweiterung sich für die Schulbildung als sinnvoll ausweist oder nicht.

Die Perspektive wäre eine voll ausgebildete „digitale Literalität“. Eine verengende Auslegung dieses Begriffs versteht darunter schlicht das Lesenkönnen von „Hypertexten“ im Unterschied zu Texten ohne Links. Eine breitere Auslegung würde den Begriff zu einer Medienbildung erweitern, die auch das Programmieren einschließt.

Über diesen Artikel
Datum:
01.11.2012
Autor:
Sven Becker
Aktionen:
Drucken
URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/schulpraxis/einzelansicht/artikel/programmieren-fuer-alle.html
Title:
Programmieren für alle?
Kategorie:
Schulpraxis
redaktion sven becker
Diesen Artikel teilen
Anzeige
Anzeige
Anzeige