Über diesen Artikel
Datum:
14.07.2011
Autor:
Sascha Steuer
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URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/netzpolitik/einzelansicht/artikel/uebermorgen-tv-bekommt-im-internet-bald-jeder-seinen-eigenen-kaefig.html
Title:
„Übermorgen TV“: Bekommt im Internet bald jeder seinen eigenen Käfig?
Kategorie:
Netzpolitik, Gastbeitrag / Interview
gastautoren stift

„Übermorgen TV“: Bekommt im Internet bald jeder seinen eigenen Käfig?

frau im kaefig mit labtop
© photoeuphoria, Dreamstime.de

Schöne neue Internetwelt 2015: Vorbei die Zeit in der wir uns durch hunderte von Seiten klicken mussten, ohne etwas zu finden. Durch die Verbindung eines perfektionierten, zentralen Suchalgorithmus mit dem individuellen Such- und Surfverhalten eines Nutzers werden die Suchergebnisse im Internet bald so personalisiert, dass man immer das Richtige findet; immer das was man wirklich gesucht hat. Dies gilt selbstverständlich nicht nur für Informationen über gute Kaffeemaschinen oder erholsame Urlaubsziele, sondern auch für politische Inhalte. Endlich muss sich niemand mehr über lästige Kommentare des politischen Gegners ärgern, sondern nur noch das lesen, was wirklich interessiert und irgendwie passt.

Übermorgen TV bringt es in einem visionären Beitrag auf den fabelhaften Punkt: „Das eigene Weltbild erfährt ausschließlich Bestätigung und niemals Widerspruch“, schließlich ist „die eigene, täglich bestätigte Meinung den meisten Menschen viel bequemer als die mühsame Suche nach der Wahrheit“.

Der Internetsoziologe Eli Pariser spricht in seinem jüngst erschienenen Buch „The Filter Bubble“ von „Blasen“, in denen sich die Nutzer mehr und mehr bewegen. Jede Blase wird passend zum eigenen Surf- und Suchverhalten mit neuen Inhalten gefüllt und unterscheidet sich so von den Blasen der anderen Nutzer. Sie ist zwar so geräumig, dass sich der Nutzer nicht in einer Blase wähnt, herauskommen kann er allerdings auch nicht. „Blase“ hört sich für dieses Konstrukt irgendwie noch nett an, im Deutschen würde man vielleicht eher von Käfig sprechen. Auch wenn sich die aufgezeigte Entwicklung in dieser Zuspitzung noch etwas futuristisch anhört, sind die Grundlagen schon gelegt. Bereits heute steuert Google mit einem undurchschaubaren Algorithmus alle Suchergebnisse und mit Google+1 und Facebook like werden dem zentralen Algorithmus nach und nach personalisierte Daten hinzugefügt. Über die Frage ob die gegoogleten Ergebnisse eine Relevanz besitzen, oder was Relevanz eigentlich ist, lohnt es sich eine Nacht zu schlafen. Vor dem zu Bett gehen sollte man die Liste der 200 Parameter des Google-Algorithmus neben das Google-Ergebnis zum Suchbegriff Relevanz legen, aber Zeit mitnehmen, es ergibt 89.600.000 Ergebnisse in 0,08 Sekunden.

Doch trotz des undurchschaubaren Suchautomatismus ist die Blasen-These umstritten. Als Gegenargumente werden angeführt, dass auch die traditionellen Medien nur eine Auswahl der Informationen abbilden und Menschen in der Regel die Zeitung kaufen, die ihrer politischen Meinung weitgehend entspricht. Doch zieht dieses Argument wirklich? Schließlich sind Qualitätszeitungen auch in sich pluralistisch, ggf. kann ich jederzeit auf eine andere Zeitung umsteigen, doch aus meiner Internetblase komme ich nicht mehr heraus.

Der Journalist Peter Glaser findet die Blasen-These schon allein deshalb abwegig, weil es „ein längst abgelegtes Menschenbild, nämlich das des wehrlosen, manipulierbaren Medienopfers, aus der Mottenkiste holt“. Warum das? Versteht Glaser denn Eli Pariser tatsächlich so, als wolle dieser das Stimulus-Response-Modell aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts auf das Internet in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts anwenden? Das Modell ging davon aus, dass ein Medieninhalt direkt einen Effekt beim Rezipienten auslöst, es wurde schnell widerlegt. Zur Frage der Medienwirkung hat sich Pariser eben nicht geäußert. Es geht ihm nicht um die Wirkung eines Internetinhalts, sondern um die Vorauswahl und Eingrenzung bestimmter Inhalte und die daraus strukturell entstehende Wirkung.

Wer dem soziologischen Disput zum Trotz noch Spaß an einem der Visualisierung dieses nicht ganz unwahrscheinlichen Szenarios in kurzweiligen sechs Minuten hat, sollte unbedingt Übermorgen TV schauen, und zwar heute, hier.

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14.07.2011
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Sascha Steuer
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„Übermorgen TV“: Bekommt im Internet bald jeder seinen eigenen Käfig?
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Netzpolitik, Gastbeitrag / Interview
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