#schlandnet, Internet-Infrastrukturen und worum es wirklich geht

Lauschangriff
Lauschangriff     
© Bernd Kasper Lüneburg, Bernd Kasper

Seit nunmehr fünf Monaten bestimmt der Lauschangriff auf das Internet die öffentliche Diskussion, und spätestens seit bekannt wurde, dass höchste Regierungskreise und Staatschefs ausgespäht werden, wird auch hierzulande ernsthaft über Konsequenzen nachgedacht. Doch wie könnten diese aussehen? Allein auf politischem Weg und mit neuen gesetzlichen Regelungen werden wir der Problematik nicht beikommen können. Schließlich ist der Schutz der Privatsphäre - hierzu zählt auch das Telekommunikations- und Briefgeheimnis - im Deutschen Grundgesetz, in der Europäischen Menschenrechtskonvention und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen bereits umfassend als Grundrecht kodifiziert. Und darauf vertrauen, dass uns zukünftig allein ein Anti-Spionage-Abkommen schützen wird, wäre arg fahrlässig, denn ein solches Abkommen ist im Zweifel das Papier nicht wert, auf dem es unterzeichnet ist. Diese Lektion sollten wir aus den zurückliegenden Ereignissen gelernt haben. Wir müssen also auch über technologische Szenarien und Lösungswege nachdenken, wie es unter anderem der renommierte Suchmaschinenforscher und Gründer des SUMA-EV – Verein für freien Wissenszugang, Dr. Wolfgang Sander-Beuermann, tut. In seinem Essay „Öffnet externen Link in neuem FensterAuf dem Weg zu einer europäischen Internet-Infrastruktur?“, welches er kürzlich auf seinem Weblog veröffentlichte, plädiert Sander-Beuermann für die Schaffung einer Deutschen oder gar Europäischen Internet-Infrastruktur. Ich habe nachgehakt, um zu erfahren, was es damit auf sich hat. Das folgende Interview ist aus einem Gedankenaustausch mit Dr. Wolfgang Sander-Beuermann entstanden.

Thorsten Greb: Kürzlich bin ich auf Ihren sehr interessanten Blogeintrag "Auf dem Weg zu einer europäischen Internet-Infrastruktur?" aufmerksam geworden. Ich finde die Idee sehr spannend und reizvoll, aber auch nicht ganz unproblematisch. Im Folgenden einige Fragen, die ich nach einer ersten intensiven Beschäftigung mit Ihrem Blogeintrag aufwerfen möchte. [...]

Dr. Wolfgang Sander-Beuermann: Als ich mir Ihre Fragen zunächst mal im Zusammenhang angeschaut habe, da erschienen zeitgleich im Netz die ersten bösartigen Kommentare zu einem sog. #schlandnet. Gemeint ist ein abgekürztes "Deut-schlandnet", der Kurzname soll wohl "schandnet" assoziieren. Als ich die Meinungsäußerungen dazu las und hörte, dachte ich - wie seinerzeit ein deutscher Finanzminister - "mich tritt ein Pferd". Offenbar kann man sowas auch gründlich missverstehen. Daher hier erstmal ein paar grundsätzliche Klarstellungen.

Es geht hier NICHT darum, ein "Netz im Netz" in Deutschland zu etablieren. Es geht darum, dass die Routing-Tabellen der Internetknoten in Deutschland so geändert werden, dass Datenpakete aus Deutschland mit einem Ziel in Deutschland innerhalb deutscher Jurisdiktion bleiben und nicht unsinnige Umwege, wie z.B. über den Atlantik ins NSA-Heimatland oder via englischem Geheimdiensten nehmen. Das ist alles. Der Rest der Internet-Infrastruktur in Deutschland bleibt unverändert und NATÜRLICH wird das globale Internet genauso erreichbar sein und bleiben.
Damit beantworten sich viele Ihre Fragen sicherlich fast von selber; hier trotzdem noch meine klaren Antworten zu den Fragen.

Sprechen wir hier von einer digitalen „Festung Europa“, einer irgendwie gearteten "Membran“, die selektiv einen Datenaustausch zwischen den Kontinenten zulassen soll, oder ist am Ende der Internetnutzer selbst in der Lage zu entscheiden, ob er Webdienste aus Übersee nutzt?

Selbstverständlich entscheidet NUR der Nutzer, ob er Webdienste aus Übersee nutzt! Es gibt auch keine "Membran", die Datenaustausch filtert. Es geht lediglich um Routing-Tabellen in deutschen Internetknoten, welche einen Datenfluß von einem deutschen PC oder Server zu einem anderen deutschen PC oder Server innerhalb Deutschlands belassen.

Wenn man eine Lehre aus dem gegenwärtigen Ausspähskandal ziehen möchte, dann ist es meiner Meinung nach die Erkenntnis, dass Staaten und ihre Geheimdienste keine Kosten und Mühen scheuen, den Internetverkehr zu überwachen.

So ist es. Und genau DARUM vertraue ich auch keiner "politischen Lösung" allein. Geheimdienste werden sich im Zweifelsfall von keinem "No-Spy-Abkommen" bremsen lassen. Und genau DARUM brauchen wir neben den politischen Maßnahmen auch eine Technik, die das Abhören zumindest sehr schwierig und damit teuer macht.

Das Abhören des Internetverkehrs ist für Staaten heute ein unverzichtbares Mittel zur politischen wie wirtschaftlichen Machtsicherung und -erweiterung. Glauben Sie, dass eine deutsche oder gar eine europäische Internet-Infrastruktur hiergegen eine wirksame Hürde darstellen kann?

Ja. Es wird nie 100%-ige Sicherheit gegen Abhören und Hacking geben, aber es sollte so schwer wie möglich gemacht werden. Und derzeit sind die Türen "sperrangelweit" offen.

Würden mit einer deutschen oder europäischen Internet-Infrastruktur nicht die "Auffindbarkeit und Erreichbarkeit von Wissen" sowie der "Pluralismus des Wissenszugangs" auf dem Altar geopfert?

Im Gegenteil: "Auffindbarkeit und Erreichbarkeit von Wissen" darf nicht unter Kontrolle und Zensur von Staaten oder globalen Konzernen stattfinden! "Freier Wissenszugang" bedeutet, dass der Zugang zum Wissen NICHT überwacht und kontrolliert wird

Oder anders gefragt: Wären in einem solchen Szenario, Informationen, die beispielsweise auf Servern in den USA oder anderen Weltregionen lagern, weiterhin problemlos für den deutschen respektive europäischen Ottonormal-Internetnutzer erreichbar?

Selbstverständlich! Alles andere wäre absurd.

Wir hätten dann also ein Internet, das Anfragen auf Deutsche oder Europäische Server ausschließlich innerhalb der Deutschen respektive Europäischen Gerichtsbarkeit verarbeitet. Gleichzeitig befinden sich aber die meistbenutzten und beliebtesten Webangebote außerhalb des Europäischen Rechtsraums. Wie soll das zusammengehen?

Diese Frage beschreibt die aktuelle Situation. Aber genau diese Situation wollen wir ja ändern. Wir müssen es in Deutschland und Europa schaffen, Angebote zu implementieren, die den bisherigen meistbenutzten und beliebtesten überlegen sind.

Diese Situation ist sehr vergleichbar mit der bei den Satellitennavigationssystemen. Hier gibt es seit langem das US-amerikanische GPS. Wenn die USA das abschalten, steht Europa "im Dunkeln". Genau so ist die Situation des heutigen Internet. Darum hat Europa bei der Satellitennavigation das eigene System Galileo auf den Weg gebracht. Dies kostet zwar einige Milliarden Euro, wird aber letztlich besser und genauer sein, als GPS. Und GENAU DAS müssen wir auch im Internet machen.

"Meide amerikanische Server", war kürzlich Ihre Empfehlung in einem Radiointerview. Kommen wir am Ende also nicht herum, unser Surfverhalten von Grund auf zu ändern? Und ist dies letztlich der Ratschlag, den wir Kindern und Jugendlichen zukünftig im Rahmen der Medienkompetenzvermittlung mit auf den Weg geben müssen?

Diese Empfehlung gilt, solange wir in Europa so weit hintendran sind, wie es jetzt der Fall ist. Je eher Europa anfängt, Internet-technologisch unabhängig zu werden, desto eher wird dieser Ratschlag überflüssig werden.

Über diesen Artikel
Datum:
22.11.2013
Autor:
Thorsten Greb
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#schlandnet, Internet-Infrastrukturen und worum es wirklich geht
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