Gastbeitrag: Lernen überall und jederzeit? Das digitale Zeitalter als Herausforderung der politischen Bildung

Michael Görtler
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© Michael Görtler

Michael Görtler ist Sozialwissenschaftler und Referent für politische Jugend- und Erwachsenenbildung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Beschleunigung von Politik, Gesellschaft und Bildung sowie die Bildung für nachhaltige Entwicklung. Mit dem Themenbereich des Digitalen Lernens beschäftigt er sich vor allem in Bezug auf die Nachhaltigkeit von politischen Lernprozessen im Angesicht von Zeitknappheit im Unterricht.

Die „Punktzeit“ der digitalen Welt begleitet die Menschen in ihrer Lebenswelt und wird so zu einer der primären Zeiterfahrungen der Gegenwart (vgl. Gendolla 1997): Kommunikation ist heute grenzen- und vor allem zeitlos. Diese Entwicklung hat längst auch die Politik erreicht. Im Spiegel des World Wide Web präsentieren sich Politiker auf Facebook und lassen sich bei Twitter von ihren Anhängern im Alltag begleiten. Die Neuen Medien und ihre Formate scheinen also Bürger und Entscheidungsträger gleichermaßen zu beeinflussen. Und daher werden diese angedeuteten Umbrüche nicht zuletzt auch für die politische Bildung relevant, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Bürger auf die Herausforderungen im digitalen Zeitalter vorzubereiten.  

Digitalisierung von Bürger und Politik
Die digitale Welt verlangt den Menschen viel ab: Sie müssen überall und jederzeit erreichbar sein, um angesichts der rasch wandelnden Umwelt noch Orientierung finden zu können. Digitales Lernen muss sich folglich vor allem auf den Umgang mit Neuen Medien beziehen und zwar im Hinblick auf die kritische Betrachtung von Phänomenen, die aus der Digitalisierung der Politik entstehen, aber auch auf das Potential für die politische Partizipation mittels neuer Formate. In Bezug auf die Medialisierung der Politik im Allgemeinen sind Begleiterscheinungen wie z.B. die einseitige Darstellung von Inhalten, die Selbstinszenierung der Entscheidungsträger oder die bewusste Meinungsmache von Bedeutung. Zudem spielen hinsichtlich der Medienwirksamkeit der Politik auch Polemik und Populismus eine nicht zu unterschätzende Rolle, denn das Web 2.0 bietet vielfältige Möglichkeiten über Bild und Ton die User anzusprechen. In diesem Rahmen kommen auf die Politik, Gesellschaft und den Bildungsbereich auch rechtliche Herausforderungen zu. Allen voran spielt die Instrumentalisierung des Internets seitens radikaler oder extremistischer Gruppierungen eine entscheidende Rolle, denn sie haben eine weltweite Plattform für die Vernetzung, die Koordination von Aktivitäten, aber auch die Rekrutierung von Nachwuchs gewonnen. In der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen rückt vor allem der Zugang über Musik in den Mittelpunkt, etwa über sog. Schulhof-CDs oder illegale Konzerte. Wieder ein anderes Problem resultiert aus der Speicherung von privaten Daten im World Wide Web. User hinterlassen beim Surfen mehr Spuren als ihnen lieb ist und dieser Umstand muss Kindern und Jugendlichen bewusst gemacht werden. Sensible Daten können schnell missbraucht werden, z.B. zum Zweck des Mobbings von Mitschülern in der realen oder in der virtuellen Welt. Schließlich gilt es auch über das unrechtmäßige Aneignen von Daten über illegale Downloads, etwa Filme oder Musik, zu sprechen. Hier besteht Aufklärungsbedarf, weil sich viele Kinder und Jugendliche nicht über die rechtlichen Konsequenzen ihrer Aktivitäten und Handlungen in der virtuellen Welt bewusst sind oder die Gefahren auf die leichte Schulter nehmen.

Demokratie und Partizipation im digitalen Zeitalter
An dieser Stelle folgt ein Perspektivenwechsel in Richtung Demokratie und Partizipation. Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wird der Umgang mit Smartphones, die überall und jederzeit Zugang zum Internet bieten, mehr und mehr zur Normalität. Die Geräte gewähren nicht nur Zugriff auf das Internet, sondern auch auf soziale Netzwerke, Blogs oder Foren, die neue Kommunikationsformen und Verhaltensweisen mit sich bringen (vgl. Meckel 2008). Diese neuartige Kombination bietet die Möglichkeit, ohne größere Hürden Diskurse zu starten, aber auch zügig Mitstreiter zu mobilisieren – ein bekanntes Beispiel sind sog. Flashmobs. Diese Art und Weise der Nutzung neuer Medien entspricht auch dem Bild, das Jugendstudien zeichnen, und zwar von eher spontanen, überschaubaren Aktivitäten, die zu einem sichtbaren Ergebnis führen, aber mit wenigen Verbindlichkeiten daherkommen (vgl. Deutsche Shell 2010).  

Ein weiterer Aspekt betrifft fundamentale Prinzipien der Demokratie wie Transparenz von politischen Entscheidungen oder Repräsentation des Wählerwillens; hinzu kommt die Funktion der Medien als Vierte Gewalt im Staat. In allen diesen Bereich spielt die Digitalisierung eine Rolle. Zum einen, weil Bundestagsdebatten, aber auch Problemlösungsverfahren (z.B. Stuttgart 21) live verfolgt werden können, zum anderen, weil vielseitige Möglichkeiten der Rückkoppelung zwischen Bürger und Politik möglich sind. Bürger können Feedback senden und Entscheidungsträger die unterschiedlichen Wünsche und Erwartungen aufnehmen. In diesem Rahmen werden Chancen und Grenzen der sog. E-Demokratie diskutiert (vgl. Bauer 2004). Neben der Idee, Wahlen in Zukunft online abzuhalten, bietet die elektronische Demokratie vor allem vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Staatsvolk und Repräsentanten, die sich im Grad der Einflussnahme und Unmittelbarkeit unterscheiden. Denkbar ist eine Spannweite zwischen bloßen Informationsangeboten über direkten, aber zeitversetzten Kontakt (z.B. Foren oder Blogs) hin zum Austausch in Echtzeit, z.B. via Chat. Viele der klassischen Partizipationsformen sind nun auch online möglich, wie etwa die Parteiarbeit, aber auch die Bürgersprechstunde oder die Einreichung von Petitionen. Für die Politik bietet sich damit die Option, per Online-Umfragen das Stimmungsbild in der Bevölkerung auszuloten, aber auch die Agenda für parteiinterne Verhandlungen vorzubestimmen und die Bürger in Beratungen mit einzuschalten. Die Piratenpartei dient momentan als Beispiel für die Offenlegung innerparteilicher Willensbildungsprozesse und die Aufnahme von Wählerinteressen. Die Frage, die sich am Ende dieses kurzen Überblicks stellt, ist also, bis zu welchem Grad die Politik digitalisiert werden kann und inwieweit Bürger in den politischen Prozess mit eingebunden werden können und sollen.  

Die politische Bildung steht damit vor der Aufgabe, diese skizzierten Herausforderungen aufzunehmen und Kindern und Jugendlichen mit Medienkompetenz zur kritischen Analyse und Beurteilung der Medienwirklichkeit, aber auch zum reflektierter Umgang mit Neuen Medien auszurüsten. Dabei befindet sie sich noch am Anfang ihrer Bemühungen.    

Literatur:  
Bauer, Andreas (2004): E-Demokratie – neue Bürgernähe oder virtuelle Luftblase? In: APuZ 18/2004, 3-6.

Deutsche Shell (2010): Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich, online unter: www.shell.de/home/content/deu/aboutshell/our_commitment/shell_youth_study/2010/ (Stand Dezember 2012).

Gendolla, Peter (1997): Zeit. Zur Geschichte der Zeiterfahrung. Vom Mythos zur 'Punktzeit', Du Mont Reiseverlag.

Meckel, Miriam (2008): Wie Web 2.0 unsere Kommunikation verändert. In: APuZ 39/2008, 17-23.

Über diesen Artikel
Datum:
18.01.2013
Autor:
Dipl.-Pol. Michael Görtler
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Gastbeitrag: Lernen überall und jederzeit? Das digitale Zeitalter als Herausforderung der politischen Bildung
Kategorie:
Medienforschung, Gastbeitrag / Interview
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