Über diesen Artikel
Datum:
05.11.2013
Autor:
Sven Becker
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URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/medienforschung/einzelansicht/artikel/computerspiele-lassen-das-gehirn-wachsen.html
Title:
Computerspiele lassen das Gehirn wachsen
Kategorie:
Medienforschung
redaktion sven becker

Computerspiele lassen das Gehirn wachsen

Computerspiele und Bildung sind bislang keine dicken Freunde – aber was, wenn das Spielen das Gehirn wachsen und so gezielt Fähigkeiten verbessern ließe? Eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus zeigt: Das Spielen kann Bereiche des Gehirns wachsen lassen, die mit erwünschten Eigenschaften verknüpft werden: „Videospielen vergrößert Hirnbereiche, die für räumliche Orientierung, Gedächtnisbildung, strategisches Denken sowie Feinmotorik bedeutsam sind.“

Um die Wirkung von Computerspielen auf das Gehirn zu untersuchen, beobachteten die Wissenschaftler zwei Versuchsgruppen von erwachsenen Probanden. Die eine Gruppe spielte zwei Monate lang jeden Tag eine halbe Stunde lang das Spiel „Super Mario 64“. Die Kontrollgruppe spielte nicht. Die Wissenschaftler vermaßen die Struktur der Gehirne der Teilnehmer mit der Magnetresonanztomographie (MRT). Im Vergleich zeigte sich: bei den Spielern vergrößerten sich einige Bereiche der grauen Substanz, in der sich die Zellkörper der Nervenzellen des Gehirns befinden. Die Vergrößerung betraf den rechten Hippokampus, den präfrontalen Kortex und Teile des Kleinhirns. Es sind Bereiche des Gehirns sind nach dem Kenntnisstand der Neurowissenschaften unter anderem für die räumliche Orientierung, die Gedächtnisbildung, das strategische Denken sowie für die Feinmotorik der Hände zuständig. Auch der Spielspaß hinterließ Spuren: denn je mehr Spaß die Probanden beim Spielen hatten, desto ausgeprägter waren die Veränderungen im Gehirn. Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis.

Studienleiterin Simone Kühn, Wissenschaftlerin am Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts, erläutert: „Während vorhergehende Studien veränderte Hirnstrukturen bei Videospielern lediglich vermuten konnten, können wir mit dieser Studie einen direkten Zusammenhang zwischen dem Spielen und einem Volumenzuwachs nachweisen. Das belegt, dass sich bestimmte Hirnregionen durch Videospielen gezielt trainieren lassen.“ Allerdings bedeutet der bloße Volumenzuwachs noch nicht zwingend auch eine Verbesserung der damit verknüpften Fähigkeiten. Zum Teil ließen sich diese Verbesserungen jedoch nachweisen. Kühne gegenüber DIGITAL LERNEN: „Wir haben Veränderungen in der räumlichen Orientierungsfähigkeit gefunden. Vor dem Training benutzen die Probanden eher eine egozentrische Navigationsstrategie, das heißt, sie drehen das Koordinatensystem bei jedem Abbiegen. Nach dem Training hingegen haben sie eine stärkere Tendenz zum allozentrischen Navigieren gezeigt, die eher dem Navigieren mit einer Karte entspricht.“ 

Die Erkenntnisse können auch auf den Bildungsbereich übertragen werden, wie die Studienleiterin erzählt: „Die Frage, was das für Bildung zu bedeuten hat, ist natürlich spannend. Ich arbeite gerade an einer Studie, in der wir herausfinden wollen, was genau das Belohnende an Videospielen ist, das letztlich dazu führt, dass die Spiele Spaß machen, motivieren und neuronale Plastizität erzeugen. Wenn wir diese Mechanismen besser verstanden haben wollen wir sie natürlich auf den Bildungsbereich anwenden und Schulstoff mit genau diesen Spielelementen vermitteln.“

Auch für die Therapie von Krankheiten, bei denen die entsprechenden Hirnregionen verändert sind, könnten die Erkenntnisse helfen. Etwa bei psychischen Störungen wie Schizophrenie, der Posttraumatischen Belastungsstörung oder auch neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz. Der Psychiater Jürgen Gallinat von der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus und Mitautor der Studie dazu: „Viele Patienten werden Videospiele eher akzeptieren als andere medizinische Interventionen.“ Deshalb soll in weiteren Studien die Wirkung von Videospielen bei Menschen mit psychischen Störungen genauer untersuchen. Derzeit wird dies in einer Studie zur Posttraumatischen Belastungsstörung praktisch umgesetzt.

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05.11.2013
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