Gastbeitrag: Cyber-Mobbing an Schulen. Ein Präventionsprojekt der RWTH Aachen.

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© ETS-Projekt, Thorsten Junge

Thorsten Junge und Christiane Rust arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiter im Lehr- und Forschungsgebiet Allgemeine Didaktik mit dem Schwerpunkt Technik- und Medienbildung an der RWTH Aachen. In ihrem Gastbeitrag stellen sie das Präventionsprojekt "Cyber-Mobbing an Schulen" vor, das zu Beginn des nächsten Jahres unter der Leitung von Prof. Dr. Sven Kommer in Aachen startet.

Kindliche Lebenswelten sind nach wie vor auch Medienwelten (vgl. Baacke/Sander/Vollbrecht 1990) und der Schulalltag bleibt hiervon nicht unberührt. Für Lehrkräfte bedeutet dies, sich mit Medien auseinandersetzen zu müssen. Schließlich beinhalten diese Medienwelten neben positiven Aspekten (Er-weiterung der Handlungsräume durch virtuelle Welten, Möglichkeiten der Identitätsbildung) auch kritische Elemente. Hierzu zählen der Kontakt zu gewalthaltigen oder pornographischen Inhalten, sexuelle Belästigungen sowie sozial-diskriminierende Phänomene wie Cyber-Mobbing. Insbesondere Cyber-Mobbing-Aktivitäten können sich auf den Schulalltag auswirken, da diese ihren Ursprung oftmals im Klassenzimmer haben oder ihre Fortsetzung im Sozialraum Schule finden (vgl. Fawzi 2009; Katzer/Fetchenhauer/Belschak 2009).

Unter Cyber-Mobbing versteht man länger andauernde Diffamierungen und Beleidigungen durch Andere unter Verwendung online-basierter Kommunikationsformen (z. B. per Mail oder in Sozialen Netzwerken), wobei unterschiedliche Ausprägungen voneinander differenziert werden können (vgl. Grimm/Rhein/Clausen-Muradian 2008, S. 229). Als besonderes Problem für die Mobbing-Opfer stellt sich die raum-zeitlich unbegrenzte Verbreitung der diffamierenden Inhalte dar (vgl. Enders 2007, S. 80). Selbst wenn sie zeitnah entdeckt werden, lassen sie sich kaum entfernen, sondern sind u. U. über einen persistenten Zeitraum hinweg online verfügbar. Hinsichtlich der jugendlichen Täter wird vermutet, dass ihnen dieses Problem nicht umfassend bewusst ist (vgl. Fawzi 2009, S. 116).

Aktuelle Studien zeigen, dass es sich bei Cyber-Mobbing zwar um kein alltägliches Massenphänomen handelt, jedoch hat eine relevante Anzahl von Kindern und Jugendlichen (je nach Studie variierend zwischen zehn und 25 Prozent) bereits in unterschiedlicher Form Erfahrungen im engeren Umfeld gesammelt (vgl. u. a. JIM-Studie 2013; Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2009; Schorb et al. 2010). Innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses sorgten vor allem spektakuläre Fälle, wie der Tod der kanadischen Schülerin Amanda Todd, für Aufmerksamkeit (vgl. Kuntz 2012), so dass auch Eltern (vgl. Junge 2013) und Lehrkräfte hiervon Kenntnis haben sollten.

Präventionsmaßnahmen sind als geeignetes Mittel zu betrachten, um dem Phänomen Cyber-Mobbing zu begegnen. Kinder und Jugendliche benötigen Medienkompetenz, um im Sinne Tulodzieckis in einer mediatisierten Gesellschaft sachgerecht, selbstbestimmt und vor allem sozial verantwortlich mit Medien umzugehen (vgl. Tulodziecki/Herzig/Grafe 2010). Schulen sind ein besonders gut geeigneter Ort, um ihnen dieses Wissen zu vermitteln. Dementsprechend gibt es bereits verschiedene Projekte, die dieses Thema aufgreifen und Ansätze zur Umsetzung in der Schule entwickelt haben.

Von „klicksafe“ werden Materialien für Lehrkräfte online bereitgestellt. Neben allgemeinen Informationen und Kontaktdaten möglicher Anlaufstellen wurden Arbeitsblätter vorbereitet, die direkt im Unterricht eingesetzt werden können (vgl. klicksafe 2012). Ebenfalls online zugänglich sind Materialien vom „schülerVZ Media Education-Team“. Hierin sind u. a. Fallbeispiele enthalten, die als Vorlage für eine Gruppenarbeit im Unterricht dienen.

Das Thema Cyber-Mobbing muss bereits im Rahmen der Lehrerausbildung aufgegriffen werden, um zukünftige Lehrkräfte auf Problemsituationen im Schulalltag vorzubereiten. Da in der Lehramtsausbil-dung bislang in erster Linie auf die didaktische Anwendung neuer Medien abgezielt wird, ist jedoch zu befürchten, dass die meisten Lehrkräfte nur unzureichend auf solche Situationen vorbereitet werden.
Ausgehend von Studien zum medialen Habitus, wonach eine „nicht zu unterschätzende Gruppe [von Lehramtsstudierenden] den neueren Medien im Grunde distanziert gegenübersteht“ (Kommer 2010, S.

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Datum:
10.06.2014
Autor:
Dr. Thorsten Junge
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Gastbeitrag: Cyber-Mobbing an Schulen. Ein Präventionsprojekt der RWTH Aachen.
Kategorie:
Jugendmedienschutz, Gastbeitrag / Interview
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