"Wie Kinder heute wachsen": Gespräch mit Herbert Renz-Polster

Natur
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© Georges Dupont

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Seit Jahren forscht er über die Entwicklung von Kindern. In seinem neuen Buch „Wie Kinder heute wachsen“, das er zusammen mit Gerald Hüther geschrieben hat, entwickeln die beiden Autoren anschaulich eine neue Balance zwischen Drinnen und Draußen, zwischen realer und virtueller Welt: „Wer über kindliche Entwicklung redet, muss auch über Natur reden: Wie die Kleinen groß werden. Wie sie widerstandsfähig werden. Wie sie ihre Kompetenzen für ein erfolgreiches Leben ausbilden.“

DIGITAL LERNEN: Sie schreiben in Ihrem Buch zusammen mit Gerald Hüther darüber, "wie Kinder heute wachsen" und wollen einen neuen Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken bieten. Also: Wie wachsen Kinder heute?

Herbert Renz-Polster: Auch nicht anders als schon immer. Die Agenda der Kindheit ist ja im Grunde die, dass Kinder auf dieser Entwicklungsstrecke ganz elementare Fähigkeiten erwerben, die sie ein Leben lang tragen und auch Grundlage ihrer weiteren Spezialisierungen sind. Da müssen die Kinder lernen, sich selbst, ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Sie müssen lernen, mit anderen Menschen klarzukommen, sich auch in andere hineinversetzen zu können. Auch Kreativität, Gestaltungskraft und innere Stärke gehörten schon immer zum Lehrplan der Kindheit - dass Kinder ihre Neulust ausleben, und dass sie bei Widerständen nicht gleich aufgeben. Ich nenne diese Fähigkeiten bewusst die Fundamentalkompetenzen des Kindes. Sie sind für die Entwicklung der Persönlichkeit unverhandelbar, ihr Aufbau kann in späteren Lebensphasen nicht nachgeholt werden.

Sie stellen die Natur als Entwicklungsraum in den Vordergrund. Warum die Natur und nicht die Kultur, die in der Regel doch enger mit dem Bildungsbegriff verknüpft ist?

Aus humanethologischer Perspektive sind Natur und Kultur ja nicht zu trennen - es liegt in der Natur des Menschen, Kultur zu schaffen, und umgekehrt gehört zu unserer Kultur auch, dass wir unsere "natürlichen" Bindungen und Anlagen einbringen und pflegen. Diese Dialektik sehen Sie auch in dem Naturbegriff, den ich in dem Buch verwende. Für Kinder ist Natur nicht nur, was grün ist und einen Himmel drüber hat, und umgekehrt können einem als Kind im Grünen auch recht "unnatürliche" Dinge begegnen - Spielplätze mit genau normierten Spielgeräten etwa.  Dafür kann dann wieder eine alte Scheuer oder eine Baugrube "Natur" sein. Natur in diesem Sinne liegt für mich dort, wo Kinder die elementaren Erfahrungen machen können, aus denen sie ihre grundlegenden Entwicklungsimpulse ziehen: sie wollen wirksam sein - dazu brauchen sie die Freiheit, sich Ziele setzen zu können und ihr Spiel selbst zu gestalten. Und sie suchen Widerstände, um Selbstständigkeit und Selbstkontrolle aufzubauen - dafür sind möglichst unstrukturierte Erfahrungsräume unabdingbar. Es zieht sie auch zu unmittelbaren Erfahrungen mit den Elementen - sie leben ja am liebsten in einer Art „Kribbelzone“, dort also, wo ihnen alles unter die Haut geht und sie an ihre Grenzen kommen. Und sie suchen Verbindungen – sie sind einfach gerne auf Augenhöhe mit anderen Kindern.

Einige wenige Schulen bieten ihren Schülern bereits das Fach "Gartenbau" an. Welche Argumente sprechen dafür, dieses Fach auf breiter Basis verpflichtend einzuführen?

Gartenbau hat zunächst einmal nicht viel mit Naturerfahrung in dem von mir verwendeten Sinn zu tun - was nicht heißt, dass das nicht eine spannende Sache sein kann. Und zwar dann, wenn die Schüler sich mit Begeisterung auf den Weg machen und den dann auch selbst mit ausgestalten können. Verordnetes Lernen funktioniert auch im Garten nicht, weder für die Schüler noch für die Lehrer. Aber es ist wunderbar, wenn Schulen sich generell dem Lernen in praktischen Lebenszusammenhängen öffnen und solche Angebote organisatorisch und auch personell ermöglichen. Ich bin mir sicher, dass viele Schüler solche Herausforderungen annehmen.

Dem Draußen stellen Sie das "Große Drinnen" gegenüber. Damit sind insbesondere die digitalen Medien bezeichnet, die Sie insgesamt kritisch einordnen. Welche Rolle spielen diese Medien in der kindlichen Lebenswelt und was sollte in der Erziehung beachtet werden?

Die Kindheit ist ja seit Hunderten von Jahren auch von Medien geprägt. Und immer bleibt da für mich eines gleich: wir müssen den Mediengebrauch mit der kindlichen Entwicklung zusammendenken. Es gab Zeiten, in denen man meinte, Kinder sollten schon als Kleinkinder lesen lernen. Und auch heute kommt bei den digitalen Medien manchmal der Blick auf das Kind zu kurz: was steht in dessen Entwicklung gerade an? In der Klein- und Kindergartenzeit steht ganz im Vordergrund, dass die Kinder jetzt ihren geistigen Innenausbau betreiben, also lernen, sich auf die anderen Menschen und ihre Gedankenwelt einzustellen. Sie bauen an ihrer "Theorie des Geistes" - und dazu brauchen sie menschliche Beziehungen als Übungsfläche, denn nur die liefern den für diesen Aufbau einer inneren Perspektive erforderlichen Kontingenz- und Resonanzraum. Das heisst nicht, dass ein Kind einen Knick ins Hirn bekommt, wenn es ab und zu an einem Bildschirn spielt. Aber wo der Kern des kindlichen Lernens - eben das spielerische Lernen in und über Beziehungen - geschmälert wird, da sehe ich in der Tat Probleme. Jedenfalls halte ich die Bildungsversprechen, die da gerade für die Frühpädagogik gemacht werden, für unangebracht - dass Kinder in der KiTa durch den Gebrauch von digitalen Medien mehr und besser lernen, ist zunächst ja nicht mehr als eine Hypothese, die in keiner Weise empirisch abgesichert ist. Und wenn behauptet wird, die Kinder würden den Anschluss verpassen, wenn sie nicht schon früh mit den neuesten Medien umgingen, muss ich doch fragen: wo sind denn die Beweise? Bis die Kleinen groß sind, sind wieder ganz andere mediale Zugänge gefragt. Die bleiben ja nicht ihr Leben lang "digital natives", wie das manchmal angenommen wird, bei einer so informations- und damit medienhungrigen Art wie Homo sapiens werden ja auch in der Kommunikation die Kulissen immer wieder neu verschoben. Im Übrigen halte ich keines der heute gebräuchlichen Medien für so kompliziert, dass man deshalb seine Kindheit aufs Spiel setzen müsste. Da geht es ja wirklich um die Anlage eines Lebensfundaments.

Vielen Dank für das Gespräch.

Über diesen Artikel
Datum:
04.11.2013
Autor:
Sven Becker
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"Wie Kinder heute wachsen": Gespräch mit Herbert Renz-Polster
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Gastbeitrag / Interview
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