Über diesen Artikel
Datum:
14.06.2013
Autor:
Prof. Ralf Lankau
Aktionen:
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URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/diverses/artikel/mooc-lernsklaven-und-klick-bildung.html
Title:
MOOC - Lernsklaven und Klick-Bildung
Kategorie:
Gastbeitrag / Interview
Ralf Lankau     

MOOC - Lernsklaven und Klick-Bildung

Ralf Lankau
Ralf Lankau     
© Ralf Lankau

Ralf Lankau ist Grafiker und Kunstpädagoge und lehrt seit über zehn Jahren als Professor für Mediengestaltung an der Fakultät Medien und Informationswesen der Hochschule Offenburg. Seit 25 Jahren beschäftigt er sich mit digitalen Medien und weiß daher: nicht alles, was digital blinkt, ist didaktisches Gold. Beispielsweise ein MOOC.    

Wissen Sie, was MOOC sind? MOOC steht für „Massive Open Online Courses“ und bezeichnet kurze Videos (9 bis ca. 15 Minuten), die man im Netz einmal oder mehrmals anschaut und anschließend Multiple Choice-Fragen dazu beantwortet. Manchmal gibt es ergänzendes Material. Hat man genug Videos geschaut, genug richtige Antworten und auf ein paar Websites oder PDF-Dateien geklickt, kann man sich zu einer „Online-Prüfung“ anmelden. Die Kurse sind (derzeit noch) kostenlos. Die “Prüfungen” kosten ab 100 Dollar. Der Teilnehmer bekommt anschließend ein Zertifikat, das er sich ausdrucken kann. Die Anbieter dieser „MOOC“ verkaufen neben den „Prüfungen“ die Lernprofile der Teilnehmer/innen an potentielle Arbeitgeber, Versicherungen etc. (Online-Learning bedeutet ja, dass alle Aktionen der User penibel protokolliert werden: Welche Videos wurden wie oft geschaut, die Fragen wie schnell beantwortet, welche Fehler wurden gemacht etc.) Das könnte man als weitere Form des Fernunterrichts oder des eLearnings zur Kenntnis nehmen, stünden dahinter nicht weiterreichende Konzepte und Strategien.

Diese Online-Kurse werden nicht als Online-Kurse vermarktet, sondern als „Universitäten der Zukunft“. Die Zeit titelt „Uni für alle“ (Heft  12/2013), die FAZ spricht von der „Globalisierung der Lehre“ (13.3.2013).

Der neue „Bildungsklick“: Skinner-Revival

Die „digitale Lehre“ sei das Lehrmodell der Zukunft. Microsoft, Google, Apple  u.a. sponsern diese Formen des “Lernens” und “Studierens” mit zweistelligen Millionenbeträgen als zukünftiges Geschäftsmodell. “Bildung findet künftig unabhängig vom Besuch einer Universität statt”, schreiben die ZEIT-Journalisten – und zeigen nur, dass sie zumindest sprachlich überfordert sind. „Bildung“ findet nicht statt, sondern ist ein individueller, aktiver Prozess. (Empfehlenswert dazu der Aufsatz von Peter Bieri: „Wie es wäre, gebildet zu sein.“) Bereits die Vorstellung aber, dass man das Schauen von Videos und das Anklicken von vorgegebenen Antworten als „studieren“ bezeichnen könne,  müsste zwangsläufig zu der Frage führen, was hier  unter Lehre und Lernen, Studieren und Bildung verstanden wird. Wären es nur technisch anders codierte Varianten von Inhalten für Selbstlerner und ein Selbststudium wie die Radio-Vorträge beim Funk-Kolleg oder TV-Sendungen wie beim Tele-Kolleg, ließe sich wenig dagegen einwenden. Es wäre die technische Weiterentwicklung und Aktualisierung der Lernmedien. Es geht aber um mehr.

MOOC sind keine Videosequenzen, die man als Vorbereitung für Vorlesungen und Seminare ergänzend anbietet und vorab bereitstellt, so, wie man vor  Veranstaltungen Lektüre ausgibt, die vorab zu lesen ist. MOOC adressieren große Nutzerkreise (mehrere zehn- oder hunderttausend Teilnehmer). Die Abwicklung der Kurse inklusive Prüfung erfolgt vollautomatisch und softwaregesteuert. Es ist die wirtschaftlich effizienteste Methode, große Kohorten von „individuell Lernernden“ mit standardisierten Inhalten und automatisch sowohl vergleich- wie messbaren Prüfungsleistungen zu adressieren.

Wie immer, wenn man technikzentrierten „Lernumgebungen“ hinterfragt, landet man bei der „Ökonomisierung der Bildung“ mit dem Ziel der „effizienten Zurichtung des Humankapitals“. Aus dem sozialdemokratischen “Alle Menschen können lernen” der Nach-68er ist ein neoliberales “Alle Menschen müssen lernen” geworden. Das „lebenslange Lernen“ dient der permanenten „Selbstoptimierung“ für den Arbeitsmarkt.

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Datum:
14.06.2013
Autor:
Prof. Ralf Lankau
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MOOC - Lernsklaven und Klick-Bildung
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Gastbeitrag / Interview
Ralf Lankau     
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