Über diesen Artikel
Datum:
18.04.2013
Autor:
Sven Becker
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URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/diverses/artikel/interview-mit-prof-wolfgang-steinig-die-soziale-schere-zwischen-phantasie-und-rechtschreibschwaech.html
Title:
Interview mit Prof. Wolfgang Steinig: Die soziale Schere zwischen Phantasie und Rechtschreibschwäche
Kategorie:
Gastbeitrag / Interview
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Interview mit Prof. Wolfgang Steinig: Die soziale Schere zwischen Phantasie und Rechtschreibschwäche

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© Anton Porsche (superanton.de) / pixelio.de

Wolfgang Steinig ist Professor für Germanistik an der Universität Siegen. Sein Forschungsinteresse gilt unter anderem der Sprachdidaktik, Schreibforschung und Sprachevolution. Mit DIGITAL LERNEN sprach er über seine Untersuchung zum Wandel des schriftlichen Ausdrucks von Kindern über die Zeit.

DIGITAL LERNEN: Sie haben in einer Studie den Wandel der Sprache anhand von Schüleraufsätzen aus den Jahren 1972, 2002 und 2012 verglichen. Welche Erkenntnisse haben Ihre Forschungen ergeben?

Wolfgang Steinig: Wir konnten deutliche Veränderungen in schriftlichen Texten von Viertklässlern über einen Zeitraum von 40 Jahren feststellen. Heute schreiben Schüler anders als in den 70er-Jahren. Sie schreiben heute nicht mehr so textsortenkonform. Neben berichtenden und erzählenden Texten finden sich vermehrt kommentierende Elemente. Auch briefähnliche Formen sind häufiger. Die Schreiber orientieren sich stärker am Adressaten.

Erfreulich ist, dass die Vielfalt des Wortschatzes bei Kindern aus der Mittelschicht mit einer Gymnasialempfehlung seit den 1970er Jahren deutlich zugenommen hat. Bei Kindern aus der Unterschicht mit einer Hauptschulempfehlung konnten wir diesen Trend aber leider nicht beobachten. Hier ist die soziale Schere weit auseinander gegangen. Beim Stil ist es ähnlich: Bei Kindern der Mittelschicht wird er erzählerischer, interessanter, kreativer. Diese Kinder gehen stilistische Wagnisse ein. Bei Unterschichtkindern hingegen – übrigens unabhängig vom Migrationshintergrund, der gegenüber der sozialen Schicht von wesentlich geringerem Einfluss ist  – finden sich keine stilistisch ambitionierten Texte. Jedenfalls konnten wir diese Entwicklung beim Vergleich der Texte von 2002 und 1972 feststellen. Ob sich dieser Trend auch 2012 fortgesetzt hat, wissen wir noch nicht.

Zur Rechtschreibung liegen für 2012 dagegen erste Ergebnisse vor. Der negative Trend hat sich seit 2002 nochmals verstärkt. Kinder aus allen sozialen Schichten schreiben heute wesentlich schlechter als in den 1970er Jahren. Hier ist jedoch der schichtspezifische Unterschied besonders stark ausgeprägt.  

Wo sehen Sie die Gründe dafür, dass die Leistung in der Rechtschreibung besonders bei Kindern aus in unteren sozialen Schichten gesunken ist?

Zunächst mal die generellen Gründe für die Zunahme von Rechtschreibfehlern in allen sozialen Schichten: Es gibt weniger Rechtschreibunterricht im Rahmen des Deutschunterrichts und geringere Anforderungen an korrektes Schreiben in den Lehrplänen und im Unterricht. Dazu kommt ein Desinteresse in anderen Schulfächern an Rechtschreibfehlern in Texten, die in diesen Fächern geschrieben werden müssen. Dem Deutschunterricht wird alleine die Zuständigkeit aufgebürdet. Möglicherweise steht dahinter eine Einstellung in der Bevölkerung, mit der Verbesserung der Rechtschreibprogramme würden Fehler beim Schreiben am Computer automatisch eliminiert und mithin würde Rechtschreibunterricht bald obsolet.

Zu den möglichen Gründen für das Öffnen der sozialen Schere: Wenn ökonomisch die Schere auseinandergeht, schlägt sich dies auch in Bildung und Rechtschreibung nieder.

Der Druck in der Mittelschicht, dass Kinder unbedingt am Ende der vierten Klasse den Sprung aufs Gymnasium schaffen, hat aus Angst vor sozialem Abstieg zugenommen. Deshalb kann man in diesen Elternhäusern große Anstrengungen beobachten, die Kinder zu besseren Leistungen zu bringen, beispielsweise durch Nachhilfeunterricht. Dieser Druck wird nicht nur auf die eigenen Kinder, sondern auch auf die Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer ausgeübt, die deshalb vor allem Kinder fördern, bei denen der Sprung aufs Gymnasium gefährdet sein könnte. Kinder, die sowieso auf die Hauptschule, Gesamtschule oder Realschule kommen, bekommen keine zusätzliche Förderung.

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18.04.2013
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Sven Becker
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