Über diesen Artikel
Datum:
17.12.2012
Autor:
M.A. Ruth Festl
Aktionen:
Drucken
URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/diverses/artikel/gastbeitrag-was-ist-eigentlich-cybermobbing-definitionsprobleme-und-forschungsluecken.html
Title:
Gastbeitrag: Was ist eigentlich Cybermobbing? Definitionsprobleme und Forschungslücken
Kategorie:
Gastbeitrag / Interview
Ruth Festl, M.A.     

Gastbeitrag: Was ist eigentlich Cybermobbing? Definitionsprobleme und Forschungslücken

Ruth Festl, M.A.
Ruth Festl, M.A.     
© Hangst, Hangst

Ruth Festl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim und im DFG-Projekt "Cybermobbing an Schulen" beschäftigt. Ziel des Projekts ist eine umfassende Erforschung des Phänomens Cybermobbing im Hinblick auf Einflussfaktoren, spezifischen Ablaufmuster und Effekte.

Im letzten Jahrzehnt hat sich das Phänomen Cybermobbing nicht nur innerhalb des öffentlichen Bewusstseins etabliert, sondern auch zu einem festen Bestandteil in der wissenschaftlichen Forschung – vor allem im Bereich der Jugendforschung – entwickelt. Dennoch sind bis heute bestimmte Definitionskriterien umstritten und werden in der empirischen Forschung unterschiedlich streng gehandhabt. Dies führt unter anderem zu einer erschwerten Einschätzung der tatsächlichen Verbreitung von Cybermobbing. Eine häufig replizierte Begriffsbestimmung nach Smith und anderen sieht dieses als aggressives Verhalten eines Individuums oder einer Gruppe von Individuen, das mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien (ICTs) wiederholt gegenüber einer Person gezeigt wird, die sich nicht leicht wehren kann. Diese Definition ist eng an derjenigen zum traditionellen „offline“ Mobbing orientiert und zunächst lediglich um den Aspekt der ICTs ergänzt.

Diskutabel scheint im Cyber-Kontext der Aspekt der wiederholten Ausführung von Mobbing-Handlungen. Ein vom Täter einmalig hochgeladenes, prekäres Videos kann sich beispielsweise durch andere zunächst unbeteiligte Personen wie ein Virus verbreiten. Demnach findet die Wiederholung nicht durch den Täter selbst, sondern stellvertretend durch ursprünglich unbeteiligte Personen statt. Von wem die demütigende Handlung wiederholt wird, scheint für das Opfer erst mal keine große Rolle zu spielen. Dennoch wird oft vermutet, dass der prinzipiell mögliche Einbezug einer größeren Öffentlichkeit beim Cybermobbing mit stärkeren Ängsten und negativen Gefühlen des Opfers einhergeht – zumal die Möglichkeiten eines Rückzugs in der digitalen Welt sehr gering sind. Umstritten ist ebenfalls das Definitionskriterium des Machtungleichgewichts zwischen Täter und Opfer. Während sich dies beim traditionellen „offline“ Mobbing vor allem auf physikalische Aspekte oder auch die soziale Position einer Person bezieht, rücken beim Cybermobbing andere Aspekte in den Vordergrund. Zum einen wird vermutet, dass Täter über höhere technische Fähigkeiten verfügen und somit ein Möglichkeits-basiertes Ungleichgewicht resultiert. Zum anderen kann sich ein Machtgefälle auch dadurch ergeben, dass Täter im Netz leichter anonym auftreten können und den Opfern somit gänzlich der Kontext fehlt, das Erlebte einzuordnen (für eine zusammenfassende Betrachtung der Definitionskriterien, siehe Slonje, Smith und Frisén 2013).

Trotz dieser Möglichkeit des anonymen Handelns kann auch beim Cybermobbing unter Jugendlichen angenommen werden, dass sich vieles im sozialen Nahbereich der Betroffenen, wie beispielsweise in den Schulklassen, abspielt. Täter verfolgen häufig soziale Ziele und wollen mit Hilfe antisozialer Strategien wie Mobbing beispielweise ihre eigene Beliebtheit vor den Klassenkameraden steigern. Ein Großteil der bisherigen Studien baut auf die stark psychologisch orientierte Erforschung traditioneller Mobbingformen auf und vernachlässigt diese sozio-strukturelle Perspektive. Da es sich aber bei Mobbing wie bei Cybermobbing bereits in der einfachsten Form (Täter – Opfer) um einen Prozess zwischen mindestens zwei Personen handelt, müssen künftig auch zugrunde liegende soziale Aspekte stärker berücksichtigt werden.

Über diesen Artikel
Datum:
17.12.2012
Autor:
M.A. Ruth Festl
Aktionen:
Drucken
URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/diverses/artikel/gastbeitrag-was-ist-eigentlich-cybermobbing-definitionsprobleme-und-forschungsluecken.html
Title:
Gastbeitrag: Was ist eigentlich Cybermobbing? Definitionsprobleme und Forschungslücken
Kategorie:
Gastbeitrag / Interview
Ruth Festl, M.A.     
Weiterführende Links
Diesen Artikel teilen
Anzeige
Anzeige
Anzeige