Gastbeitrag: Lernen mit mobile Endgeräten – zwischen ‚Mehrwert‘ und ‚Mehrlast‘

Kerstin Mayrberger
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© Kerstin Mayrberger

Kerstin Mayrberger ist Professorin für Mediendidaktik an der Universität Augsburg. In ihrem Gastbeitrag für DIGITAL LERNEN diskutiert sie kritisch den didaktischen Wert mobiler digitaler Medien.

Das „Mobile Lernen“ (nicht nur) im schulischen Unterricht wird aktuell immer selbstverständlicher diskutiert – die Stimmen hierzu reichen von kritischen Einwänden über Geräte mit Netzzugang in selbstbestimmten Händen der Lernenden bis hin zur Euphorie über die zumeist neu angeschafften mobilen Endgeräte und ihre Einsatzmöglichkeiten im Unterricht, um Ansprüchen von Individualisierung, Partizipation oder Kooperation gleichermaßen besser nachkommen zu können. Gerade an der Integration von Tablets in Form eines netzbasierten Arbeitens mit digitalen Medien, die im Idealfall personalisiert, zumindest aber 1:1 vorhanden sind, zeigt es sich recht deutlich, dass Vor- und Nachteile nahe beieinander liegen.

Einerseits ist die Technik schnell verfügbar und bequem auf den Punkt einsetzbar, Daten stehen jederzeit im Netz zur Verfügung und es liegen eine große Vielfalt an (Bildungs-)Medien vor, die verwendet werden können. Andererseits begibt man sich damit bewusst in eine Abhängigkeit von Technik, Netzfunktionalitäten und -sicherheiten, die zumeist von Dritten bestimmt werden; ebenso kann die Angebotsvielfalt von Daten, Informationen und (Bildungs-)Medien heute noch als Überforderung betrachtet werden. Und insofern sind diese Rahmenbedingungen immer auch zu sehen und sollten im Alltag handhabbar sein, bevor die didaktischen Potenziale wie Kommunikation und Interaktion sowie vermehrte Partizipation im Unterrichtsverlauf herausgestellt werden.

Die genannten Potenziale hängen aber nicht nur von der Technologie und den Rahmenbedingungen ab, sondern von den Lehrpersonen und ihrer Haltung zur Gestaltung von Unterricht mit digitalen Medien. Nur wer mit Abgabe von Kontrolle an die Lernenden professionell arbeiten kann, sowie in der Lage ist sich und die Lernenden vor Überforderung durch zu viel Verantwortungsübernahme für den eigenen Lernprozess zu schützen, wird auch den Zeitaufwand, den der Einsatz mobiler Endgeräte und passender Methoden für ein verändertes Lernen und Lehren mit sich bringt, sinnvoll investiert wissen. Ansonsten schlägt der potenzielle didaktische Mehrwert, der mit mobilen Endgeräten einhergeht, in unnötigen technischen und didaktischen Aufwand um und wird letztlich zu einer Mehrlast für die betreffenden Lehrenden, aber auch Lernenden, wenn sie keinen Sinn im Einsatz sehen.

Wichtig erscheint es hierbei zu differenzieren, inwieweit Lernen tatsächlicher mobiler wird oder Lernen nun vielmehr mittels mobiler Endgeräte auch im institutionellen Bildungskontext in zeitlich, räumlich und sozial erweiterten Lernumgebungen stattfindet. Hier wird zu letzter Einschätzung tendiert, weshalb vom „Lernen mit mobilen Endgeräten“ gesprochen wird - auch mit Blick auf informelle und formale Lernprozesse gleichermaßen, die von jeher an jedem Ort und zu jeder Zeit (ein Leben lang) stattfinden konnten und können.

Ebenso differenziert wie den Begriff erscheint es sinnvoll die Einsatzformen anzuschauen. Heißt nun die Verwendung von persönlichen, digitalen Endgeräten, dass man zu jeder Zeit und an jedem Ort lernen muss und nicht nur kann? Wird das Wissen auf kleine Lernhäppchen reduziert, die sich eben noch an der Haltestelle aneignen lassen? Und welche Formen von Lernen und des Wissenserwerbs werden überhaupt gefördert? Wie lassen sich die relativ hohen Beschaffungskosten von Tablets durch möglichst innovative Lernszenarien rechtfertigen, die über die Verwendung der Geräte lediglich als ‚Surfbretter‘ am Platz hinausgehen?

Vor diesem nur im Ansatz angerissenen Kontext erscheint es auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbar, dass nicht alle die neuen Endgeräte mit ihren technischen Möglichkeiten und didaktischen, sozialen und medienbezogenen Potenzialen als Bereicherung im eigenen Unterricht sehen.

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13.01.2014
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Gastbeitrag: Lernen mit mobile Endgeräten – zwischen ‚Mehrwert‘ und ‚Mehrlast‘
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Gastbeitrag / Interview
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