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Datum:
19.11.2010
Autor:
Redaktion
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URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/diverses/artikel/die-freitagskolumne110000-unterschriften-fuer-eine-falsche-online-petition-und-die-bange-frage-na.html
Title:
DIE FREITAGSKOLUMNE 110.000 Unterschriften für eine falsche Online-Petition und die bange Frage nach der Wahrheit im Internet
Kategorie:
Gastbeitrag / Interview
gastautoren stift

DIE FREITAGSKOLUMNE
110.000 Unterschriften für eine falsche Online-Petition und die bange Frage nach der Wahrheit im Internet

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© Raymondg, dreamstime.de

Wie konnte es so weit kommen? Über 110.000 Menschen haben sich in den letzten Monaten einer Online-Petition an den Bundestag angeschlossen, um gegen ein angeblich zum April 2011 eintretendes EU-Verbot von Heilpflanzen einzutreten. Die Petition verbreitete sich rasant auf den zahlreichen Seiten von Naturheilkundefreunden, Yogastudios und Teeläden. Das Problem daran: Dieses EU-Verbot gibt es gar nicht. Stattdessen gibt es seit 2004 eine EU-Verordnung, die zwar minimale Verschärfungen der Zulassungen von hergestellten Fertigarzneiprodukten beinhaltet, aber längst ohne Probleme in deutsches Recht übernommen wurde. In Deutschland ändert sich daher zum April 2011 gar nichts. Wie steht es mit der Wahrheit im Internet?

Möglich werden solche Selbstläufer durch die schnelle und unkontrollierte Kommunikation im Internet und durch die Leichtgläubigkeit der Nutzer. Anders als Informationen die wir gut recherchierten Zeitungsartikeln entnehmen, schreiben im Internet die Nutzer miteinander, es fehlt der professionelle Zeitungsjournalist dazwischen. Im Prinzip ist also keiner Information aus dem Internet zu trauen. Geradezu grotesk wirkt daher die Erklärung der Petitionsschreiberin gegenüber der Berliner Tageszeitung taz: „Ich bin keine Juristin. Ich habe über das Problem auf Internetseiten gelesen, die die Wahrheit schreiben“. Ahja, die Wahrheit also. Der Medienwissenschaftler Wolfgang Donsbach analysiert den Wahrheitsgehalt im Internet stattdessen gegenüber dem Magazin FOCUS so: „Das Netz ist wie eine Kneipe. Da kann jeder jedem alles erzählen.“ Je nach Alkoholkonsum werden die „Wahrheiten“ offenbar immer absurder.

Wer kennt sie nicht, die mehrmals im Jahr auftauchenden Massenemails, mit deren Weiterleitung man angeblich Tausende von Euro verdienen kann. Auch die schlausten meiner Freunde leiten den offenkundigen Unsinn an mich weiter. Aber die Sinnlosmails sind nur die absurdeste Spitze des Eisbergs. In der ganzen Breite stehen im Internet zunehmend Wahrheit und bloße Behauptung ununterscheidbar nebeneinander. Wer ist nicht hin- und hergerissen beim schnellen Zugriff auf die Informationen von Wikipedia, obwohl jeder weiß, dass die Einträge dort keinen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen? Die Wikipedia-Definition des Begriffes „Zensur“ mutet so an als sei sie vor dem Hintergrund der Sperrgesetzdebatte geschrieben wurde, anstatt die Rechtsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland abzubilden. Nach dem Motto: Ich schreibe mir die Definitionen selbst, die ich danach zitieren will. Dieser Selbstbetrug kann auf Dauer ein nationales Gedächtnis durchaus zerrütten. Aber die Gefahr ist nicht nur kognitiv.

Der von Google Maps verursachte Grenzkonflikt zwischen Lateinamerika Nicaragua und Costa Rica ist immer noch nicht entschärft. Die Regierung von Costa Rica erhebt den Vorwurf, dass Soldaten aus dem Nachbarland die Grenze überquert und auf einer Insel die nicaraguanische Flagge gehisst hätten. Der Kommandeur des nicaraguanischen Militärkommandos sagte daraufhin in einem Interview, er habe sich auf eine Landkarte des Internetdienstes Google Maps gestützt, wonach die Insel zu Nicaragua gehöre. Obwohl Google den Fehler einräumte, behauptet nun Nicaragua die ursprüngliche Karte sei korrekt. Zu einem bewaffneten Konflikt kommt es allein deshalb nicht, weil Costa Rica über keine eigene Armee verfügt.

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19.11.2010
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