Über diesen Artikel
Datum:
25.06.2013
Autor:
Sven Becker
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URL:
http://www.digital-lernen.de/nachrichten/diverses/artikel/chancengerechtigkeit-in-der-bildung-verbessert-sich-nur-langsam.html
Title:
„Chancengerechtigkeit“ in der Bildung verbessert sich nur langsam
Kategorie:
Studien
redaktion sven becker

„Chancengerechtigkeit“ in der Bildung verbessert sich nur langsam

Menschen im Himmel
© S. Hofschlaeger / pixelio.de

„Chancengerechtigkeit“ - das klingt gut. Schaut man jedoch ein zweites Mal auf den Begriff, dann wird er unscharf. Denn was heißt „gerecht“? Die Bertelsmann Stiftung und die Universitäten in Dortmund und Jena jedenfalls sehen hinsichtlich dieser „Chancengerechtigkeit“ positive Tendenzen im deutschen Bildungssystem, es sei aber noch viel zu tun. Dies eine grobe Zusammenfassung der Ergebnisse ihrer Studie „Chancenspiegel“, die sie gestern in Berlin vorstellten.

Die wichtigsten Ergebnisse im Einzelnen: Laut der Studie verlassen weniger junge Menschen die Schule ohne einen Abschluss gemacht zu haben. Der Bildungserfolg sei allerdings schon in der Grundschule stark an die soziale Herkunft gekoppelt. Ebenfalls habe sich die Durchlässigkeit nur minimal erhöht. Auch stiegen noch immer wesentlich mehr Schüler eine Schulform ab als auf. "Insgesamt geht es mit der Chancengerechtigkeit eher im Schneckentempo voran", sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Er führt dies auch darauf zurück, dass der Ausbau von Ganztagsschulen nur langsam voran komme und die Bedeutung der Förderschulen trotz der Bemühungen um mehr Inklusion kaum nachließe.

Den stärksten Positiv-Trend verzeichne Deutschland bei den Schulabschlüssen. Es gebe weniger Schulabbrecher, ihr Anteil sank im Vergleich zum Schuljahr 2009/2010 um mehr als ein Zehntel von 6,9 auf 6,2 Prozent. In derselben Zeit erreichte der Anteil der Absolventen mit Hochschulreife eine neue Spitze: Über die Hälfte (51,1 Prozent) darf studieren. Keine Veränderungen sind beim „Kompetenzerwerb“ zu beobachten: Das Leseverständnis der Grundschüler bewegt sich auf nahezu demselben Niveau wie vor zehn Jahren, und es ist weiterhin stark abhängig von der sozialen Herkunft; damals wie heute liegen die Kinder aus niedrigen Sozialschichten bei der Lesekompetenz durchschnittlich um ein Jahr zurück.

Wilfried Bos, Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund, betonte: "Entscheidend für mehr Chancengerechtigkeit sind die Qualität des Unterrichts und die individuelle Förderung aller Schüler, aber gute Rahmenbedingungen können das natürlich begünstigen." Hoffnungen setzen die Bildungsforscher vor allem in die Ganztagsschule. Auch – je nach Umfrage - 70 bis 80 Prozent der Eltern bevorzugen inzwischen diese Schulform. Vor diesem Hintergrund erscheint der Ausbau von Ganztagsangeboten nur gering. Der Anteil der Schüler im Ganztagsbetrieb stieg zwischen den Schuljahren 2009/10 und 2010/11 nur von 26,9 auf 28,1 Prozent. Knapp 13 Prozent aller Schüler besuchen momentan gebundene, also für alle Schüler verpflichtende Ganztagsschulen. Dräger zu dieser Entwicklung: "Wenn sich der Ausbau der Ganztagsschulen nicht beschleunigt, dauert es noch mehr als 50 Jahre, bis für alle Kinder genug Plätze vorhanden sind. Dabei bietet gerade die gebundene Ganztagsschule gute Möglichkeiten, den Einfluss der sozialen Herkunft zu verringern."

Der „Chancenspiegel“ zeigt auch beim Thema Inklusion ein uneinheitliches Bild: Zwar besuche jedes vierte Kind mit speziellem Förderbedarf mittlerweile eine reguläre Schule. Gleichzeitig verringere sich die Bedeutung der Förderschulen nur langsam: Ihr Schüleranteil sank seit dem Schuljahr 2009/10 nur minimal von 5,0 auf 4,8 Prozent.

Dräger verwies darauf, dass Fortschritte bei der „Chancengerechtigkeit“ nicht zuletzt auch an Investitionen in Bildung gekoppelt seien. Oft fehlten den Ländern jedoch das Geld für Reformen wie den Ausbau der Kitas und Ganztagsschulen, die Lehrerbildung oder die Inklusion. "Die Länder haben in der Bildung zusätzliche Aufgaben bekommen. Dafür brauchen sie auch zusätzliches Geld", so Dräger. Statt einer großen Föderalismusreform über eine Grundgesetzänderung schlug er eine pragmatische Variante vor: "Der Bund kann den Ländern über Artikel 106 für die neuen Aufgaben pauschal mehr Geld zur Verfügung stellen. Im Gegenzug sollten die Länder mehr Transparenz über die Bildungsergebnisse gewähren, damit die sinnvolle Verwendung der Mittel gesichert ist." Ein Nationaler Bildungsrat könne dabei konzeptionell Reformen unterstützen und regelmäßige Leistungsvergleiche zwischen den Bundesländern verantworten.

Der Chancenspiegel hatte im vergangenen Jahr – zehn Jahre nach der ersten Pisa-Studie – erstmals für jedes Bundesland analysiert, wie gerecht und wie leistungsstark das jeweilige Schulsystem ist. Die diesjährige Neuauflage dokumentiert, wie sich seit dem Schuljahr 2009/10 die Chancen von Schülern verändert haben, soziale Nachteile zu überwinden und ihr Leistungspotenzial auszuschöpfen. Das analysiert der Chancenspiegel in vier Dimensionen: Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe.

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25.06.2013
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Sven Becker
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